Permalink

3

Abgestempelt

Mit wenigen Sätzen kann man einen Menschen komplett aus der Bahn werfen. Mitunter reicht sogar nur ein Satz. Von der Person, von der man es am Wenigsten erwartet. Die einem am nächsten steht. In einem Moment, wenn Du nicht im Ansatz damit rechnest. Nur 1 Satz. Und schon zieht Dein Leben an Dir vorbei. Alles was war. Alles was kommen sollte. Vorbei. Du lebst zwar. Noch. Doch ab diesem Zeitpunkt bist Du nur noch im Autopilot. Für unbestimmte Zeit. Alles was Du ab diesem Moment tust geschieht automatisch. Deine körperliche Form, Deine Hülle, sie funktioniert. Im Basismodus. Atmen. Mit viel Glück auch essen. Schlafen. Aber Dein Kopf ist weit weg. Ganz weit. Irgendwo in Dir drin. Dein Geist, Dein Intellekt und Dein Ego befinden sich ab jetzt im Kampf. Mit sich. Dir selbst. In Deinem Inneren. Leute reden mit Dir. Du hörst sie. Aber Du verstehst gar nicht was sie zu Dir sagen. Sie sind alle zu weit weg. Und Du? Du bist gar nicht da. Bei Dir.

Mich traf so ein Satz. Diesen Sommer. Und nicht nur einer. Sondern eine ganze Serie. Schläge, wie von einem Vorschlaghammer getroffen. Mehrfach. Mit einer Wucht, das sich mein Ich fast auflöste. Mein gesamtes Leben, meine Existenz, alles wofür ich die letzten Jahre gelebt und gekämpft hatte: vorbei. In einem einzigen Augenblick. Just in dieser Minute, in der mir nicht nur Liebe versagt wurde. Sondern, in der ich auch als Mensch nicht mehr akzeptiert wurde. Als mit mitgeteilt wurde, das ich kein Bewohner der gleichen Welt mehr sei. Verbannt. Gestrichen. Gelöscht. Für immer. Einfach so. Chancenlos.

Seit diesem Ereignis im Sommer habe ich vermutlich jede nur erdenkliche Emotion durchlebt. Jede der 5-7 Trauerphasen durchlaufen. Dabei gab es Up and Downs. Wobei die Downs deutlich überwogen. Mal waren es kurze Zeiten des Schmerzes. Mal längere. Und ziemlich häufig noch längere. Ab und an ein Up. Kurzfristig. Bevor es wieder nach unten ging. Ambivalenz Deluxe. An manchen Tagen dachte ich, es hört nie wieder auf. Ein Seelentief. Ich würde nie wieder klar denken können. Nie wieder in die Spur zurückfinden. Mich finden. Und vor allem mich je wieder lieben können. Die Tatsache, das ich zur „Persona non Grata“ erklärt wurde, hat sich eingebrannt. In meine Seele. Tief. Wie ein Stempel. Abgestempelt.

Über den Augenblick selbst habe ich gefühlt eine Ewigkeit nachgedacht. Tatsächlich Monatelang. Auch in der Meditation. Neben all den inneren Dialogen. Kämpfen. Verzweiflung. Zerrissenheit.

Aber ich kann mir zumindest die 2 folgenden Fragen ganz klar beantworten: „Wie fühlst Du Dich dabei?“ & „Was hat es mit Dir gemacht?“

Was es für mich so besonders macht ist die Tatsache, das ich vor vielen Jahren ein ähnliches Erlebnis hatte. Die Parallelen sind erschreckend. In jeglicher Hinsicht. Sogar die 2 Fragen hatte ich mir gestellt. Bereits damals fiel ich in ein tiefes Loch. Schaffte es aber mich wieder aufzurappeln. Und machte einen entscheidenen Fehler: ich verdrängte. Alles. Stattdessen ging in ein Tattoo Studio. Dort lies ich mir eben diesen Schriftzug tätowieren. Doch anstatt ihn mir jeden Tag zu betrachten, mich erinnerte, vergass ich ihn irgendwann. Er verblasste. Am Ende sogar der Grund. Auch die Antworten auf diese 2 Fragen. Sie waren weg. Die Erinnerungen. Leben ging ja weiter. Liebe kam. Ging. Kam. Ging erneut.

Heute habe ich mir den Schriftzug auffrischen lassen. Nicht weil ich ein mangelndes Selbstvertrauen habe. Nein. Sondern weil ich mich erneut daran erinnern möchte. Werde. Diesmal ganz sicher. Immer. Vor allem an die Antworten auf die 2 Fragen:

„Wie fühlst Du Dich dabei?“ – „Wertlos.“

„Was hat es mit Dir gemacht?“ – „In einem Maße verletzt, dass ich mich selbst nicht mehr lieben konnte.“

Und genau das darf nie wieder geschehen. Denn ich bin eben nicht wertlos. Niemand ist das. Und ich finde mich eigentlich auch ganz nett. Und daher liebenswürdig.

3 Kommentare

  1. Pingback: Erlebnisse in C-Mol | | kritikverloren

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.