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Das weiße Bild

Mein Blick fiel zuerst auf die weiße Leinwand. Sie hing, wie seit Jahren, an der Wand. Eigentlich war darauf immer ein Bild zu sehen. Selbstgemalt. Mal schemenhaft. Ein anders Mal sehr abstrakt. Aber immer bunt. Gut, manchmal dominierte eine Farbe. Ein ganze zeitlang war das Rot gewesen. Durchzogen von goldenen Pinselstrichen. Und zuletzt war es grün und orange. Aber es war immer etwas darauf zu sehen. Zu erkennen. Selbst wenn die Stilrichtungen variierten. Oft stand ich davor. Und betrachtete es mir.

Mein Verständnis für gemalte Kunst ist relativ begrenzt. Zugegeben. Und ich wundere mich immer über Menschen, die vor einem Bild bekannter, oder weniger bekannter Maler stehen. Und dann, meist sehr abgehoben, anderen erzählen was sie darauf sehen. Oder was ihrer Meinung nach darauf zu sehen sei. Vielleicht habe ich daher auch nicht so einen Bezug zu Gemälden. Auf einem Spitzweg erkennt man vermutlich relativ schnell eine Situation. Und bei genauerer Betrachtung so viele Details, dass man eine akademische Abhandlung dazu verfassen kann. Wohingegen ein Pollok eher eine Interpretation von Emotionen ist. Am Ende wäre die Abhandlung darüber wohl eher eine Analyse der psychischen Verfassung. Doch wie es auch sein mag, was auch immer Künstler dazu getrieben hat, Farbe auf eine Leinwand zu bringen, diese jetzt war leer.

Sie war weiß. Ein weißes Bild. An einer weißen Wand.

Zaghaft ging ich in den Raum. Das Wohnzimmer war fast leergeräumt. Ich blieb stehen. Schaute kurz nach links. Die Kommode stand noch an ihrem Platz. Mit dem Drucker oben drauf. Vor ihr waren ein paar frische Shirts aufgestapelt. Daneben, an der Wand, hingen Fotografien. Die der Kinder. Auch eins von mir. Zusammen mit ihrem Bruder. Es war an unserer Hochzeit aufgenommen worden. Ein schöner Tag.

Mein Blick ging weiter. Zum Bücherregal. Es stand nur noch eine Hälfte da. Und es waren auch deutlich weniger Bücher. Auch wenn sie noch nach Farben sortiert waren. Wie ein Scanner wanderten meine Augen durch den Raum. Unter dem weissen Bild stand ein kleines Regal. Darauf eine Buddha-Statue. Daneben eine kleine Sitzgelegenheit. Mit Blick aus dem Fenster.

Langsam drehte ich mich um. Schräg hinter mir, an der Wand an der einst das Bücherregal gestanden hatte, befand sich nun der Esstisch. Umfunktioniert in einen Schreibtisch. Weil es jetzt in der Küche eine Arbeitsplatte gab. An der gegessen wurde.

Auf dem Schreibtisch standen ein Laptop. Und eine Menge Papier lag dort. Briefe. Hefte. Der Fluch der freien Fläche. Und darüber? 2 weitere Bilder. Auch sie waren weiss. Leer. Farblos. Mein Herz pochte. Es pochte so laut, dass ich es fühlen konnte.

„Ist das nicht toll?“, fragte sie mich strahlenfreudig. „So viel Platz.“

„Früher war der Raum lebendiger,“ erwiderte ich.

„Er ist doch voll Leben, wir sind doch hier. Die Kinder sind hier. Lebendiger geht es nicht.“

,So viel Platz’, hallte es in meinem Kopf nach. Platz für wen? Für was?

Es war das letzte Mal das ich in dieser Wohnung war. Denn knapp 3 Monate später war kein Platz mehr für mich. Weder dort, noch ihrem Herzen. Und auch nicht in dieser kleinen Welt. Die einmal unser Universum gewesen war.

Dafür war plötzlich überall Raum.

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  1. Pingback: Erlebnisse in C-Mol | | kritikverloren

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