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Der letzte Tweet (eine Kurzgeschichte in mehreren Teilen)

„Guten Morgen. Es ist alles so still. Sogar hier.“

Er wartetet auf eine Reaktion. Doch niemand rührte sich. Kein Fav, kein Retweet. Nichtmal eine Reply from hell. Der Tweet stand einfach so da. Seine sonst so aktive Timeline war verstummt. 

Seit geraumer Zeit waren die Tweets weniger geworden. Immer weniger Menschen waren online. Zuvor vermeldeten mehr und mehr User Virus-Infizierte im unmittelbaren Umfeld. Hörten urplötzlich auf zu schreiben. Oder meldeten sich ganz ab von Twitter. Und nicht nur hier. Selbst auf Facebook, Instagram. Ja sogar auf LinkedIn. In den Chats von Online-Spielen. Dieses Phänomen war nicht regional, sonder global zu beobachten. Der Virus war dabei sich weiter auszubreiten. 

Schon seit Wochen durfte man seine Wohnung nicht mehr verlassen. Anfangs war es nur eine Empfehlung gewesen. Dann wurden in allen Staaten sukzessive die Regeln verschärft. Der Grund war einfach: trotz der herannahenden Gefahr wollten viele nicht glauben das ein Virus in der Lage war sich derart auszubreiten. Tatsächlich hatten die Menschen den Lockdown zwar registiert. Aber wie so oft glaubten viele dass sie etwas ganz besonders seien. Und die Regeln für alle, nur eben nicht für sie galten. Ganze Familien machten nahezu täglich Ausflüge in die umliegenden Wälder. Gingen spazieren. Liefen umher. Kinder spielten auf Wissen und in den Parks. Manche grillten. Während im lombardischen Bergamo das italienische Militär versuchte die vielen Leichen, nahe einem Krematorium, wegzuschaffen. Die Einäscherungsstätte war der Menge an Toten einfach nicht mehr gewachsen gewesen. 

Nachdem innerhalb kürzester Zeit die Schweiz und die gesamte EU Millionen Infizierte zu verzeichnen hatten, waren die Krankenhäuser völlig überlastet und das System dort zusammengebrochen. Selbst eine Mobilmachung aller verfügbaren Reservisten und des Zivilschutzes konnte diese Welle nicht mehr abfangen. Das Sterben begann. Und es waren jeden Tag mehr Tote zu beklagen. 

Indes gab es auf jedem TV Kanal nur noch ein Thema: den Virus! Und während man anfangs immer wieder die selben Gesichter aus Medizin, Politik und TV zu sehen bekam, waren es nun andere. Neue. Die Nachfolger derer die es nicht geschafft hatten. Die an den Folgen der Infektion verstorben waren. Einzig Markus Söder und Armin Laschet waren noch am Start. Der Bayer Söder schien unzerstörbar zu sein. Sein Bundesland hatte als erstes, mit massiven Einschnitten in das öffentliche Leben, die Ausbreitung deutlich senken können. Doch die Massnahmen kamen leider zu spät. Und waren am Ende, auch aufgrund der Unvernunft einiger Bajuwaren, trotzdem gescheitert. Nicht alle wollten auf das erste Weizenbier in der Sonne verzichten. Tja nun.

Dass Armin Laschet, der seit Wochen wohl nicht sehr viel Schlaf bekommen hatte und dem der Druck deutlich anzusehen war, überhaupt noch Auftritte absolvierte. Erstaunlich. Ein junger Virologe erklärte indes gerade zum millionsten Mal welche Symptome erkrankte Menschen aufweisen, als einer der Studiogäste kraftlos vom Stuhl fiel. Sofort wurde eine Maz eingespielt.

„Wer war der Mensch, der eben in der Livesendung umgefallen war?“, überlegt er. Doch er wusste es nicht. Egal, es war ein Mensch gewesen. Ein weiterer, der nun in die Statistik einfliessen würde. Leider. 

Er schaltete den TV aus. So lange es keinen Impfstoff gab, so lange gäbe es auch keine neuen Nachrichten. Latent gelangweilt schaute auf sein Smartphone. Noch immer hatte niemand auf seinen Tweet reagiert. Er goss sich eine Tasse Tee ein. Davon hatte er glücklicherweise genug auf Vorrat. „Wenigstens etwas“, dachte er sich und lief vorsichtig ans Balkonfenster. Öffnete es einen Spalt und ging in die Hocke. Wollte nicht von den Nachbarn gesehen werden. Keinen Kontakt. Zu niemandem.

Eine kleine frische Brise kam herein. Zusammen mit Vogelgezwitscher. Wenigstens erholte sich die Natur. Am Himmel kreiste ein Rotmilan. 

Dies war einer der wenigen positiven Aspekte. Vor Monaten noch hatten Jugendliche wie Greta Thunberg gegen den Klimawandel protestiert. Waren mit Friday’s for Future auf die Strasse gegangen. Und während die Politik und die Wirtschaft sich in immer mehr unkonstruktiven Diskussionen selbst disqualifizierte, ihre Uneinsichtigkeit demonstrierte, so regelte jetzt die Natur wozu der Mensch selbst nicht in der Lage gewesen war. Ein lauter Knall ertönte. Erschrocken liess er seine Teetasse fallen und warf sich zu Boden. Der Schuss war aus nächster Nähe abgegeben worden. Kein Vogelgezwitscher war mehr zu vernehmen. Dafür menschliches Stimmengewirr. „Hab ihn!“ – rief jemand. Am Himmel war kein Milan mehr zu sehen. 

Ende von Teil 1

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