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Der Rabattstempel-Fall

Er diskutierte mit dem Personal. Dabei klang er hörbar erregt. Sowohl die Verkäuferin, als auch der vermeintliche Geschäftsführer versuchten ihn zu beruhigen. Doch es wollte ihnen nicht so recht gelingen. Sein Rabattheftchen wies alle nötigen Stempel auf. Nur eben nicht für dieses Produkt. Indes wuchs die Warteschlange an der Kasse an. Zuletzt durch mich.

An der 2. Stelle stand eine ältere Frau. Nicht sehr gross. Aber voller Energie. Sie trippelte von einem Fuss auf den anderen. Unruhig.

„Ich kläre das mit der Zentrale für Sie“, sagte der Geschäftsführer. Mittlerweile deutlich angespannt. Und verließ die Szene.

„Schickst Du noch wen für Kasse 2?!“ Die Kassiererin hatte nun ebenfalls einen leicht gereizte Ton in der Stimme. Indes wetterte der Kunde weiter. Die übrigen Beteiligten verharren auf ihren Plätzen. Ebenso die ältere Frau.

Gemächlich schlenderte ein Jungspund mit Kassenfach nach vorne. Nickend deutete er auf eine freie Kasse. Niemand reagierte. Mit Ausnahme von mir. Ich stellte mich an besagte Kasse. Die Ware auf die Ablage. Noch während der Bezahlung spürte ich hinter mir eine Person. Glaubte ein leichtes Schnauben zu vernehmen. Die Artikel auf dem Arm drehtte ich mich um. „Wieso schnauben Sie?“

Wuchtig entgegnete sie mir: „SIE HABEN SICH VORGEDRÄNGELT!“

Wie dumm von mir. Tatsächlich habe ich schon fast vergessen das ich in Deutschland bin. Hier gelten ungeschriebene Gesetze. Gerade in der Warteschlange. Und Vordrängeler sieht niemand gerne. Nach Warentrennervergesser und Münzzahler gehören die nämlich zu den Unliebsamsten.

„Tatsächlich?“ erwiderte ich. Dabei schaue ich sie fragend an. „Möchten Sie das ich meine Artikel umtausche und mich nochmal anstelle? Hinten?“

Ihr Nachgebäffe nahm ich wahr. Hörte aber gar nicht mehr zu. Ich hatte mich bereits abgewandt und schlenderte Richtung Ausgang.

Im Nachhinein hatte ich hierzu folgende Überlegung: sicherlich hoffte diese Person, dass sich der Rabattstempel-Fall rasch aufklären würde. Ergo wäre sie, die an 2. Stelle stand, automatisch Erste gewesen. Hätte vor allen anderen bezahlen können. Dieser Wunschgedanke hatte sich dermassen in ihr manifestiert, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kam diesen Platz aufzugeben. Erst als ich aus der Schlange zu der neueröffneten Kasse ging, realisierte sie ihre Fehleinschätzung. Letztendlich sah sie sich benachteiligt. Was traurig ist. Denn, mein Bezahlvoqrgang dauerte knapp 30 Sekunden. Wie schlimm muss sie sich nur gefühlt haben. 30 Sekunden erneut die 2. zu sein. Nur weil sie zuvor nicht nachgiebig war.

Dieser Fall veranschaulichte mir ziemlich gut und auf‘s Neue, dass wir gesellschaftlich noch einen weiten Weg vor uns haben. Einerseits pochen wir immer geradezu auf UNSER Recht. Andererseits fühlen wir uns sehr schnell zurückgesetzt. Wenn uns selbiges nicht, unserem Wunschdenken entsprechend, zu Teil wird. Gut, ich hätte auch mitfühlender reagieren können. Habe ich mich doch tatsächlich von ihrem Ton triggern lassen. Aber ich bin sicher, es bietet sich wieder eine Gelegenheit. In der ich dann achtsamer sein kann. Dann mache ich das besser. Versprochen.

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