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Fantasiegeschwurbel

Beim Herunterfahren des Laptops ertönte kurz der altersschwache Ventilator. Ich deaktivierte die Infrarotmaus und legte sie behutsam auf das Mauspad. Dann stand ich auf, schlenderte zum Sofa. Und plumpste auf das weiche Polster. Feierabend.

Mit leichten Fokus betrachtete ich die grosse weisse Fläche, knapp 3 Meter vor mir. Diese Stille. Da war sie wieder. Zusammen mit meinen 4 Wänden. Meinem Zuhause. Gut, eigentlich 3 Wände und eine Glasfront. Aber das war in diesem Augenblick nur ein unwesentliches Detail. Denn ein Blick nach draussen verdeutlichte mir, was ich heute nicht tun würde. Rausgehen. Es regnete nämlich. Und das schon seit Stunden. Langsam drehte ich meinen Kopf wieder geradeaus. Und schaute erneut auf die weisse Fläche. Dann schloss ich die Augen. Ich fühlte in mich hinein. Kleiner Check-in. Zum Abschluss des Arbeitstages. Systematisch scannte ich meinen Körper. Von oben nach unten. Fühlte sich alles gut an. Keine Beschwerden. Atmung normal. Perfekt.

Unterschwellig nahm ich das Prasseln des Regens wahr. Dazwischen die Stille.

Neulich hatte mir doch tatsächlich wer vorgeschlagen, ich solle auf einem Silent Retreat gehen. Wenn das alles vorbei sei. Es sei so super entspannend. Und nach so einem Lockdown eben genau das Richtige. Das würde mir sicherlich gefallen, mutmasste dieser Mensch. Vater von 3 Kindern. Die derzeit, neben seiner Frau und dem Hund, ebenfalls zu Hause waren. „Ja, bestimmt“, hatte ich höflich geantwortet. Sicherlich war es gut gemeint. Und in einer anderen Situation hätte ich das auch so empfunden. Aber jetzt? Seit knapp Mitte März sitze ich allein zu Hause. Und nicht nur allein. Auch abgeschnitten von jeglicher persönlichen sozialen Interaktion. Ausgenommen der mit den Kassiererinnen im Supermarkt. Ansonsten treffe ich niemanden. Gut, es gibt FaceTime. So bleibt mir noch ein kleiner Kreis, mit dem ich wenigstens ab und an Kontakt halten kann. Aber so langsam kommt sie dann doch durch. Diese Einsamkeit. Dieses Gefühl fehlender Nähe.

„Wie lange ist das eigentlich schon so?“, überlegte ich. Eigentlich war das ja nichts Neues für mich. Virtuelles Leben. Virtuelles Arbeiten. So geht es schon seit Jahren. Und bisher war das auch überhaupt nicht schlecht. Denn ich konnte rausgehen. Irgendwo einen Kaffee trinken. Einfach nur da sitzen. Und Leute beobachten. Das war auch allein völlig ok. Gut, zuvor konnte ich auch Reisen. Menschen besuchen. Treffen. Wenn ich denn wollte. Nur derzeit ging das eben nicht.

Und wie ist das wohl danach? Vor allem werden wohl alle Menschen gleichzeitig verreisen wollen. Alles in den gleichen Zug oder Flieger steigen wollen. Alle an die selben Orte fliegen. Alle würden in die selben Cafés gehen. Restaurants. Bars. Ein paar würden sicherlich auf ihre Schutzmasken verzichten. Rebellion. Man ist ja freie(r) Bürger*inn. Einer freien Welt. Und gerade die, die glauben von der Regierung völlig bevormundet zu werden, würden ihre Masken nicht nutzen wollen. Vor meinem geistigen Auge spielten sich düstere Szenen ab. Die Verbreitung des Virus. Im epischen Ausmass. Aufgeschnappt. Eingefangen. Mitgeschleppt. Mitgebracht.

Manche würden es anfänglich nicht mal bemerken. Weil die Symptome nicht jedem bekannt waren. Und wenn doch: „Schnaps rein, Virus wegbrennen.“ Und dann strahlenfreudig auf die nächste Grillparty rennen. Von wegen starkem Immunsystem und weil es ja nur Ältere betrifft. Und man möchte man ja auch davon berichten, wo man war. Ausserdem muss jeder unbedingt erfahren wie man selbst den Lockdown erlebt hat. Und alle würden zustimmend nicken. Und dann ihre Version erzählen. Ungefragt. Vermutlich würden die Geschichten immer doller werden. Nur um die der anderen zu übertrumpfen. Alles schön nah. Beieinander stehend. So das sich die Teilchen gemütlich weiter verbreiten könnten. Was soll schon passieren? Vielleicht noch händeschüttelnd verabschieden? Einen kessen Spruch a la „aber vergiss das Händewaschen nicht. Weil Merkel das befohlen hat. Hahaha…!“ Und montags würden wieder alle, wie gewohnt, in überfüllten Öffis, zur Arbeit fahren. Wenn kurz darauf der Reproduktionsfaktor deutlich ansteigen…..nicht auszudenken. Und welche Massnahmen würden die Regierung dann einleiten? Bereits jetzt gab es neben den Regelungen für die Geschäfte, diverse Empfehlungen für Verhaltensweisen. Auch Diskussionen. Nämlich über rechtsstaatliche Befugnisse. Was darf der Staat? Wann darf er es? Und in welchem Ausmass? Ist es erlaubt Bewegungsprofile der Bevölkerung zu erstellen? Zum Wohle aller. Und wie vereinbar ist das dann mit dem Datenschutz? Letztendlich ja eine der grossen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte.

Doch nicht nur die Tracing-App wurde scharf kritisiert. Weitere Diskussionen über eine grundsätzliche Testpflicht auf den Virus entfachten nicht nur ein Schwellfeuer. Sondern heizten den Widerstand gegen schörfere Massnahmen weiter an. Auch eine verbindliche Impflicht wurde bereits jetzt diskutiert. Und wie kann ein Staat es wagen? Menschen zu etwas verpflichten. Es war alles so paradox.

Einerseits wurden rasche Massnahmen gefordert, eben um die Pandemie einzudämmen. Doch wie es in einem Rechtsstaat nun mal so ist sind hierfür Gesetze notwendig. Und genau dort lag der Hase im Pfeffer. Rasches Handeln erzeugt unausgereifte Resultate. Werden diese dann im Eilverfahren durchgewunken, entsteht ein ungutes Gefühl. Bei der Bevölkerung. Dieses wird bestärkt wenn Menschen mit entsprechendem Fachwissen, oder in Mangel dessen, dann auf Lücken und Nachteile hinweisen. Ungefiltert. Unreflektiert. Im Schein von TV-Kameras, oder Klicks sonnend. Selten wird der Grundgedanke gewürdigt. Was häufig zu einer Negativbetrachtung führt. Die Presse greift diese auf. Und schon befindet man sich in einer Dauerwerbesendung wieder. In der Politiker ihre Entwürfe verteidigen. Gefolgt von zig Berichten und Diskussionen darüber, wo der Staat als solcher versagt hat. Und was man, würde man nur auf diesen oder jenen hören, besser hätte machen können. Würde. Am Ende des Tages wird nachgebessert. Gesetze verzögert. Massnahmen zu spät erlassen. Während sich die wildesten Theorien verbreiten. Angefeuert von Promis, denen man noch bis kurz vor dem Lockdown ein gewisses Mass an Vernunft und Intellekt zugestanden hätte.

Ich lächelte, als mir eine Filmsequenz in den Kopf kam. Til Schweiger, der als nuschelnder Tschiller, gegen eine Übermacht von Söder-Getreuen kämpft. An seiner Seite, der lustige Attila Hildmann. Einem verrückten Koch, der herausfand welches Gemüse am besten mit anderen Gemüsesorten harmoniert. Zusammen decken sie einen geheimen Plan der NWO auf. Diese, angeführt von einem Milliardär, hatte bereits vor Jahren alle Homecomputer mit ihrem tückischen Betriebssystem „Fenster“ infiltriert. Weswegen sie nun alle Menschen ausspionieren kann. Und einen Virus freigesetzt. Am Ende des Streifens sagt Tschiller noch Armin Laschet was er zu tun und zu lassen hat. Während alle dieses Trio bejubeln, singt Xavier Naidoo dazu ein Lied über die Befreiung des Volkes. Im Abspann sieht man einen Einspieler von Angela Merkel, die verrät dass es sich um eine globale Pandemie handelt. Was auf einen zweiten Teil hindeutet.

„Du hast eine sehr ausgeprägte Fantasie“, ertönt plötzlich eine Stimme. Langsam wende ich meinen Blick in Richtung meines Buddhas. Er sitzt ganz entspannt da. „Habe ich, ja“, sage ich leise.

Buddha schaut mich an. Wir sprechen oft miteinander. Meist in Gedanken. Aber in letzter Zeit immer öfter auch tatsächlich. Mit Stimme. Ich mag seine Stimme. Sie ist sanft. Ruhig. Und nicht hektisch. Er fährt fort: „Fantasie ist eine Gabe.“

„Meinst Du ich sollte anfangen zu schreiben?“

„Wenn es das ist was Du möchtest. Tu es.“, ermuntert er mich. Währenddessen hatte ich meinen Laptop bereits geöffnet. Und fing an zu schreiben. Über was, das wusste ich noch nicht.

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