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Für Anne (Gastbeitrag)

Liebe Leser*innen, der nachfolgende Blogeintrag erreichte mich via Twitter. Und es ist, so finde ich, eine herzerwärmende Geschichte. Nämlich über Mut, Selbstvertrauen und Lebensfreude.

Für Anne – Autorin: Diezé

Ich sitze auf dem Balkon und starre die Wand an, nicht müde, nicht aufgedreht, einfach gar nichts.
Zur Zeit ist gerade alles anders. Die Welt verändert sich in Windeseile und wir Menschen können nur dabei zu sehen.
Der Virus zwingt uns zur Entschleunigung, während alle anderen Lebewesen gerade auf Hochtouren den Frühling genießen.

Der Frühling, mein Blick fällt runter in den Garten. Die Vögel zwitschern, die ersten Knospen sind zu erkennen und die Osterglocken bringen die erste Farbe. Ein kurzes Lächeln huscht über meine Lippen, die Natur genießt unsere Auszeit. Tief atme ich ein, lege die Füße auf den zweiten Stuhl, trinke einen Schluck Kaffee und während ich mein Gesicht der Sonne entgegen strecke, fällt mein Blick auf dieses Bild.

Das Lächeln wird breiter und innerlich wird es warm. Ein Moment, ein Augenblick voll Leichtigkeit, Glück und Zufriedenheit findet plötzlich ganz viel Platz in meinem Kopf.

Eine komplett verrückte, spontane Idee hatte letztes Jahr im Mai dafür gesorgt, dass ich einfach eine Tasche gepackt hatte und ins Auto gesprungen bin.
Ich wollte raus, die Arbeit war stressig, die Familie zog aus allen Ecken an mir und der bescheuerte Exmann hatte das Fass zum überlaufen gebracht.
Raus aus der Haut ging nicht, aber raus aus der Welt in der ich lebe, in die ich passen und funktionieren muss.
Irgendwohin, wo mich keiner kannte.

So spontan wie die Tasche im Auto landete, so wurde auch die Strecke.
Kaum Autobahn, dafür wunderhübsche,kleine Dörfer, die im Sonnenschein leuchteten.
Nach 2 Stunden stand ich vor der französischen Grenze. Ein kleines Zögern war innerlich zu spüren. Die Franzosen gelten nicht immer als freundlich für deutsche Touristen und mein Französisch war Jahre her. „Trau dich “ sprach ich mir selbst Mut zu und ja, ich wagte es, ganz allein.

Entschlossen fuhr ich weiter, ich hatte mich entschieden dem Lauf der Mosel zu folgen. Ich mag Wasser und finde Städte mit Flüssen haben einen ganz besonderen Charme. Wenn man auf Ihren Brücken steht, kann man glatt alles um sich herum vergessen.
Mein Weg führte mich über kleine Landstraßen, grün und unbewohnt.
Ein Gedankenblitz und ich stellte das Auto einfach am Straßenrand ab, nahm mir die Decke, ein paar eingepackte Kekse und die Thermoskanne aus dem Kofferraum, setze mich damit mitten auf eine Wiese.
Ein Lächeln, der Sonne entgegen, ein tiefes Ein- und Ausatmen und das erste Mal das Gefühl, dass ich tief in mir bin. Keiner der an mir zerrt und etwas will, niemand für den ich in ein System passen muss.
Grinsend schaute ich verstohlen nach links und rechts, um plötzlich aufzuspringen, die Arme hochzurecken und während ich mich im Kreis drehte lauthals zu brüllen „vive la france!“ Das wiederholte sich so lange bis ich einen Drehwurm bekam und mich mit geschlossenen Augen auf den Rücken legte. Sterne und das Gefühl abzuheben. Jeder kennt es aus Kinderzeiten.

Die Sachen wieder verstaut, fuhr ich weiter dem Lauf der Mosel nach bis ich eine Stadt namens Metz erreichte.
Ein kleines Schild machte in einer winzigen Pension darauf aufmerksam, dass noch ein Zimmer frei war. Ohne zu überlegen, parkte ich das Auto und stand schon an der niedlichen Rezeption.
Eine ältere Dame begrüßte mich und ich verstand kein Wort. Sie merkte es schnell und grinste.

Ihr graues Haar umrandete ihr Gesicht, sie lachte viel, ihre Augen strahlten. Sie war herzlich und die geborene Gastgeberin.
Ihr Alter konnte ich nicht schätzen, sie war fit und so glücklich und begeistert mit dem was sie tat.

In Deutsch erklärte sie mir die Zimmerpreise und die Frühstückszeiten. Sie drückte mir zur Begrüßung eine Flasche Rotwein in die Hand und sagte leise „Du musst Dich darauf einlassen, dann verzaubert Dich diese Stadt“

Das Zimmer: es war gemütlich und altmodisch eingerichtet, klein aber heimelig. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass ich wirklich mittig in der Stadt war und hier ein buntes Leben stattfindet.

Ich kramte in meiner Tasche, legte das bunte Sommerkleid mit den Blumen heraus und die roten Schuhen dazu. Auch hier wollte ich heute einfach mutig sein und jeden Gedanken an Zweifel abschütteln.

Unter der Dusche wusch ich mir den Staub der langen Fahrt ab und wurde auch gleich wieder munter. Die Lippen wurden danach mit roten Lippenstift betont, die Augen etwas hervorgehoben. Mein Spiegelbild lächelte mir aufmunternd zu und ja, Gott verdammt sah ich gut aus in diesem Kleid!
Vorsichtshalber legte ich die Flasche Wein und zwei Gläser in meine Umhängetasche, dann machte ich mich auf den Weg, die Stadt zu entdecken.

Bei der kann ich nur sagen, die hatte es in sich.
Dadurch das die Seille hier in die Mosel mündet, hat die Stadt Metz im Grunde zwei Flüsse. So steht der Temple Neuf fast auf einer Insel, die logischerweise nur über Brücken erreicht werden kann.
Überall schien es Mirabellen zu geben, ob als Schnaps oder im Kuchen. Eine Spezialität ist hier boulets de metz.
Mir war es eindeutig zu süß.
Die Kathedrale Saint Etienne war leider bereits abgeschlossen, aber als ein nett aussehender Mann meinen enttäuschten Blick sah und irgendetwas in Französisch dahin murmelte, blieb ich stehen, bis er den Schlüssel holte und nach dem Öffnen der Pforten blieb mein Mund offen. Ein traumhafter Anblick, die wunderschönen , bunten Fenster und die hohen Gewölbe ließen mich für einen Moment den Atem anhalten.

Der nette Herr lächelte mich an und stellte sich als Jacque vor. Schnell wurde uns bewusst, dass wir sprachlich nie zusammenfinden werden.
Wenn er lachte, blitzen seine Zähne hervor, sein leicht angegrautes Haar fiel ihm immer mal wieder in die grünen Augen. Er erzählte und versuchte mit seinem durchaus gut gebauten Körper mir jegliches Detail zu erklären. Seine Begeisterung verzauberte mich so sehr, dass ich gar nicht bemerkte wie er meine Hand nahm und mich von einer Attraktion zur nächsten führte.
Das ging dann auch außerhalb der Kathedrale weiter.
So zeigte er mir den Jakobsplatz und tanzte mit mir über die Esplanade. Wir lachten, hielten Händchen und genossen das Jetzt.

Am Place de Jean Paul II zog er mich mit in ein kleines Café. Dort bestellte er Rotwein und eine leckere Quiche. Er zog einen Block hervor und lächelte mich glücklich an. Mit einem Bleistift begann er mich zu zeichnen. Ich verdrehte die Augen, zog Grimassen und wir lachten. So vergingen Stunde um Stunde und am liebsten hätte ich diesen Moment festgehalten.

Er verabschiedete sich. Bis heute weiß ich nicht, was er mir dabei alles erzählt hatte, ich schenkte ihm als Dankeschön einen Handkuss über die Schulter und trank den letzten Schluck Wein aus dem Glas.
Danach zog es mich zurück auf die lebendigen Straßen, ich ließ mich treiben und fand mich am Ende an der Mosel wieder. Dort setzte ich mich ins Gras, öffnete die Flasche Wein, beobachtete wie sich langsam die Straßen leerten, die Laternen das Leuchten anfingen und atmete. Ich war glücklich, hatte einen traumhaften Tag und alles andere schien ganz weit weg.
Leise schlich ich in dieser Nacht in die Pension, schlief glücklich und müde ein und wachte am nächsten Tag erholt, aber mit dem Wissen wieder heim zu müssen auf. Ich hatte schon jetzt fast Heimweh nach diesen Momenten und dieser wundervollen Stadt.

Das Frühstück war wie alles andere liebevoll und wunderbar angerichtet. Die Croissants mit der Mirabellen Marmelade waren geradezu ein Gedicht.

Als ich meine Sachen danach ins Auto räumte hielt mich die Hausherrin am Arm und drückte mir eine kleine Papierrolle in die Hand.

Nun trifft mein Blick dieses Bild, diese lebenslustige Frau, die einen Kuss über die Schulter wirft und lacht, ja das bin ich an einem unvergesslichen Abend.

Ich schließe die Augen, die Sonne blendet und träume mich jetzt noch ein wenig dorthin zurück.

~ Diezé

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