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Irgendwas fehlt.

„Toll, jetzt bin ich wach“, denkt er sich. Gerade war er noch in einem tiefen Traum. Irgendwo…ja wo war das eigentlich? Er kann sich nicht mehr erinnern. So ist das mit den Träumen. Sie verschwinden so schnell. Lösen sich auf. Einfach so. Egal. Hilft alles nix. Aufstehen, jetzt! Der Tag beginnt.

Behäbig trottet er in die Küche. Befüllt den Wasserkocher. 1 Liter. 40 Grad. Das muss er jetzt gleich trinken. Es gruselt ihn. Wie jeden Tag. Während das Wasser langsam auf Temperatur gebracht wird zieht er die Rolladen hoch. Tolles Wetter ist ja nicht gerade. Nieselregen. Oh Mann.

Der Wasserkocher schaltet sich mit einem leisen Klacken ab. ‚Klack.‘ Wieso eigentlich ‚Klack‘? Wieso nicht ‚Blop‘ oder ‚Ping‘? Schräge Gedanken. Er öffnet die Regaltür, nimmt eine grosse Tasse heraus. So viel Geschirr. Fast wie bei einer Familie. Seufzend giesst er sich Wasser ein. Die ersten paar Tassen gehen meist ganz gut. Wenn man sich noch nicht bewusst ist das man tatsächlich warmes Wasser trinkt. Dann wird es merkwürdig. Gänsehaut. Sogar leichter Ekel. ‚Runter damit!‘, ermutigt er sich selbst. Nach einem Liter ist der Magen erstmal gefüllt.

Der Regen plätschert auf das Dach. Er ist stärker geworden. Zum Glück muss er gerade nicht raus.

Er setzt sich auf sein Meditationskissen. Legt sich eine Decke über den Schoss. Dann setzt er sich Kopfhörer auf. Verbindet diese mit seinem Smartphone und aktiviert eine App. Pranayama. Atemtechniken sind immer gut. Besonders am frühen Morgen. Das hat er im Aschram gelernt. Damals. Als alles um ihm herum zusammenbrach. Er konzentriert sich auf die Anleitung des Sprechers. „Take a deeeep breath….“

Im Anschluss daran gönnt er sich noch eine Meditation. 20 Minuten sollten erstmal genügen. Auch Meditation hilft. Bei fast allem. Vor allem beim klarkommen. Mit sich. Seinen Gefühlen. Sehr sogar. „Shanti, shanti….“

Seine Augen öffnen sich. Langsam steht er auf. Zähneputzen. Anziehen.

Als er angezogen vor dem Rechner sitzt ist es gerade einmal 5:30h. Niemand ist online. Ausser die Kollegen in Asien. Zeitverschiebung. Diese Globalisierung.

In Ruhe ein paar Mails beantworten. Die Systemupdates prüfen. Ein Chat-Fenster öffnet sich. Ein Kollege ist gerade online gegangen. Kurzen Statusbericht. Man spricht später nochmal. Sowieso.

7h. Zeit für den Sport. Die Strasse runter. Keine 5 Minuten entfernt. Auch eine Art Luxus.

Das Studio ist leer. Er ist der einzige. Kurzes aufwärmen. Dann geht es los. Jemand im Netz hat ihn einen Trainingsplan geschrieben. Den wird er durchziehen. Wie jeden Tag. Alles nach Plan. Alles ist durchgetaktet. Auch sein Leben. Die 1 1/2 Stunden wird er sich verausgaben. Danach wird er daheim duschen gehen. Auch kalt. Das strafft die Haut und macht nochmal so richtig fit.

Der Vormittag vergeht schnell. Mails, Chatts, Meetings, Mittag.

Der Regen hat nachgelassen. Also geht er spazieren. Eine grosse Runde. Er muss mit niemandem sprechen. Hat er in den Meetings und dem Calls bereits tun müssen. Aber weniger. Irgendwie ist alles weniger geworden. Sogar die Lust am Sprechen selbst. Er ist kategorisch gelangweilt von oberflächlichen Gesprächen. Gut, nicht immer reicht die Zeit für intensive Themen. Ein kurzes ‚hallo, wie geht‘s?‘ ist zeitlich meist das Maximum. Dann muss man auch schon wieder weiter. Alle im Stress. Alle im Fluss. Kurz vorm Absaufen. Das Jahr geht bald zu Ende. Und mit ihm die Welt. All die Träume, Wünsche, Sehnsüchte, die man mal hatte. Zu Beginn des Jahres. ‚Kann nur besser werden‘, denkt er sich. Wohl wissentlich das dem nicht so ist. Es wird eigentlich kontinuierlich nur noch schlechter. Irgendwie. Überall.

Zurück zu Hause. Zurück am Schreibtisch. Der Anzahl Mails nach zu urteilen steht die Firma kurz davor von der Börse genommen zu werden. Weil er noch nicht auf all die Mails geantwortet hat. Das will natürlich niemand. Schon gar nicht er. Und schon gar nicht kurz vor Weihnachten. Also beantwortet er sie. Alle. Brav. ‚Be a good citizen.‘

Der Nachmittag verläuft ähnlich wie der Vormittag. Und um 18h fällt der Hammer. Feierabend. Dabei ist heute erst Montag. ‚Das kann ja was werden‘, denkt er so bei sich. Und beisst in eine Tafel Schoggi. Eine Träne läuft ihm über die Wange. Wärme wäre jetzt toll. Körperliche Nähe. Aber die kann ihm die Schoggi auch nicht geben. Doch das wissen beide bereits.

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