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Irgendwas mit Jazz

„Möchtest Du auch Eine?“, Stanislav schob mir eine Schatulle, gefertigt aus Muschelschale, zu. Entzückt über sein Angebot öffnete ich sie und nahm mir eine kubanische Planktonzigarre heraus. Ihr Duft war gigantisch. Wie sie wohl schmecken würde? Er gab mir Feuer und lehnte sich zurück. „Na, dann schiess los. Was möchtest Du wissen?“

Es war bereits Abend als ich in der Bar im Aquarium eingetroffen war. Vor Wochen hatte ich im „Fish‘n More“ Magazin davon gelesen das Andi & Stanislav eine Jazz Tour durch die Bars in ausgewählte Aquarien machen würden. Natürlich wollte ich mir die Chance nicht entgehen lassen, sie auf dieser Tour zu besuchen. Auch meine Interviewanfrage wurde ziemlich rasch beantwortet. „P.S. Wir haben eine Überraschung dabei“, stand in der Antwort. Ich war gespannt. Und so machte ich mich auf den Weg. Zugegeben, ich bin ein ziemlich junger Guppy. Aber jeder jazzliebender Fisch kannte die beiden Zebrarennschnecken, die seit Jahren durch die Clubs schlichen. Ihre Songs „Just be slow, Jack“, oder auch „No hurry, no cry“ waren einzigartige Klassiker. Und zeitlos. Sowieso.

Stanislav zog genüsslich an seiner Planktonzigarre. Und ich zückte meinen Notizblock. Verlegen rückte ich meine Fliege zurecht und richtete meine Brille.

„Nun, also nach der letzten Tour war es etwas ruhig geworden um Euch.“

Fragend hob Stanislav die linke Augenbraue an. „Weisst Du Youngster, das ist doch ok wenn ich Dich Youngster nenne?“ Hastig nickte ich und er fuhr fort: „Wir machen unser Ding jetzt seit circa 30 Jahren. Gibt keinen Club in dem wir nicht das Wasser zum kochen gebracht haben.“ Bedächtig blies er eine dicke Rauchwolke in die Luft. „Damals, als ich Andi kennenlernte, da hatte ich keinen blassen Dunst von Jazz. Geschweige denn davon, wie man Klavier spielt. Und ich meine damit: so richtig Klavier. Nicht dieses 08/15 Gedudel, was man heute immer noch ständig in irgendwelchen Hipster-Aquarien hört. Er hat mir alles beigebracht. Und heute….“ Er hielt inne. Und für einen Augenblick stellte sogar die Garnelle hinter der Bar ihre Plauderei mit einem Gast ein. Von der Bühne ertönten Saxophonklänge. Ich staunte nicht schlecht, als ich sah wer da spielte. Der runde Hut, die dunkle Sonnenbrille: es war Andi. „Er hat den Groove“, schwärmte Stanislav und schloss verträumt die Augen. Sanft an seiner Planktonzigarre paffend. Während Andi seinem Saxophon alles abverlangte. Seine Melodie wurde mit dem Wasser durch das gesamte Aquarium getragen. Die Menge jubelte. Im Club wurde es voller. Eine Gang Panzerwelse schwamm schwofend auf dem kleinen Tanzbereich umher. Und sogar die sonst so selbstbeherrscht wirkende Garnelle wackelte mit den Hüften.

Doch was war das? Leise Töne aus dem Hintergrund. Irgendwer liess Sticks auf die Snare Drum prasseln. Der Spot ging an und am Schlagzeug sass Mad Fellow Zizania. Der Octupus Drummer. „Erinnerst Du Dich an die Überraschung die ich erwähnt hatte, Youngster?“ Ich nickte baff. „Ich glaub unser Interview müssen wir verschieben“, er grinste, als er langsam zur Bühne kroch um am Klavier Platz zu nehmen. Und dann spielten sie Jazz. Musik für die Ewigkeit.

Ich weiss nicht mehr wann ich nach Hause geschwommen bin. Aber die Musik hallte noch lange nach. Sehr lange.

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