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Mindful photography

Was für einen herrlichen Platz ich da gefunden hatte. Von ihm aus konnte man bis auf die andere Seite des Sees blicken. Wunderschöne Silhouetten, gebildet von der bergigen Landschaft am Horizont. Ich hielt inne. Und überlegte kurz. Dann zog ich den Rucksack von meinen Schultern. Und legte ihn zum Öffnen auf den Boden. Zuerst platzierte ich das Tripod. Meine Kamera, samt Weitwinkelobjektiv installierte ich darauf anschliessend. Das Fundament des Stegs war aus Beton. Daher musste ich auch keine Sorge haben, dass das Equipment verrutschen könnte. Oder gar in den See fiel. Das Set stand fest.

Gemächlich drehte ich den Ringaufsatz auf das Objektiv. Drauf setzte ich die Filterhalterung. Es war herrliches Wetter. Sonnenstrahlen fielen schräg links, hinter mir, ins Bild. Und beleuchteten die Kulisse. Wirklich wunderschön. Ich aktivierte die Kamera und machte ein Testfoto. Herrlich.

Behutsam schraubte ich den Graufilter in die Halterung. Noch ein Test. Die Spiegelungen des Wassers konnte man nicht gänzlich rausfiltern. Aber das war ok. Wasser ist ständig in Bewegung. Sonnenreflexionen würde es sowieso geben. Spätestens wenn ein Boot, oder eine der Ausflugsfähren vorbeikam. Vielmehr galt es Spiegelungen von festen Objekten zu vermeiden. Fenstern und ähnlichem. Sie können zu unerwünschten Effekten und Streulicht führen.

Um den Himmel mit der Landschaft etwas mehr in Einklang zu bringen entschied ich mich für einen weichen Verlaufsfilter. Ein weiteres Testfoto folgte.

Fotografie ist für mich mehr, wie nur das Knipsen von einem Bild. Es ist das Festhalten eines Augenblicks. Einem, von dem man noch im Nachhinein sagen kann: „Das war es wert. Danke, dass ich das erleben durfte.“ Ein Snapshot der Vergangenheit. Festgehalten für die Zukunft. Aus diesem Grund ist jedes Foto von mir auch Ausdruck einer bewussten Handlung.

Darüberhinaus ist es mir besonders wichtig, dass ich das Foto im Nachgang nicht bearbeiten muss. Mag sein, dass liegt auch an meinem beschränkten Skills gängiger Bildbearbeitungsprogramme. Tatsächlich ist es mir aber wichtig, dass ich alles tue, um den Augenblick so einzufangen, wie er in diesem Moment eben ist. Wie ich ihn wahrnehme. Und dazu gehören auch die Emotionen. Welche Teil meiner Wahrnehmung sind.

Nun können Augenblicke sehr kurz sein. Aber auch etwas länger. Daher wurde die Langzeitfotografie erfunden. Wofür ich, das sei nebenbei erwähnt, wirklich sehr dankbar bin. Diese Art der Fotografie ermöglicht es einen Augenblick auszudehnen. Wobei feste Objekte länger belichtet werden. Also mehr Bildinformationen gespeichert werden können. Bewegte Objekte hingegen verziehen, oder verschwinden gänzlich. Je nach Dauer der Belichtung. Und Licht spielt eine grosse Rolle. Es war Nachmittag. Und die Sonne strahlte am Himmel. Daher installierte ich noch einen ND-Filter. Erst er würde es mir erlauben das Bild tatsächlich länger zu belichten. Der Rahmen rastete in der Halterung ein. Zu guter Letzt dunkelte ich den Sucher mit einer Plastikkappe ab. Sie sollte verhindern das es zu unerwünschten Reflexionen kam. Denn Licht kann auch sehr tückisch sein. Bereits kleinste Staubkörner verewigen sich auf dem Foto, wenn ein Lichtstrahl auf sie trifft. Und bricht.

Mein Blick schweifte umher. Betrachtete die weichen Wogen des Wassers. Entenfamilien, die am Ufer schwammen. Ich nahm den Wind wahr. Leichte Luftzüge, die verspielt umherzogen. Vögel, die sich den Auftrieb zu Nutze machten. Und…Stimmen. Stimmen? Zaghaft wendete ich mich um. Tatsächlich. Eine Horde Touristen kam direkt auf den Steg zu.

Was ich oft erlebe sind eben genau diese Situationen. Menschen fühlen sich durch Kameras regelrecht angezogen. Denn wenn sich schon jemand die Mühe macht, sein Set aufzubauen, dann muss es ja auch was zu sehen geben.

Ich erinnere mich an eine Situation in Zürich. Ein junger Mann kam an, zückte sein Smartphone. Und machte um mich herum hektisch eine Unzahl von Bildern. Aus allen möglichen Perspektiven. Aber alle in die Richtung, in die mein Objektiv ausgerichtet war. Dann schaute er sie sich an. Scrollte. Und fragte mich erstaunt: „Was fotografierst Du? Da ist doch gar nichts zu sehen.“ Eine Antwort konnte ich ihm nicht geben. Aber mein Gesichtsausdruck sprach wohl Bände.

Überraschendes begab sich auch in Warnemünde. Ich hatte die Ostsee im Fokus. Daher platziere ich mein Equipment so nah wie nur eben möglich am Ufer. Maximal ein aus dem Wasser kommender Taucher könnte diese Aufnahme stören. So mein Gedanke. Manchmal bin ich wirklich so herrlich naiv. Denn eine Spaziergängerin lief mir barfüssig direkt vor die Linse. Und als die die Kamera sah, blieb sie einfach stehen. Ich bat sie höflich aus dem dem Bild zugehen. Worauf die erwiderte, ich solle eben kurz warten und dann einfach nochmal ein neues Bild machen.

Viele Menschen laufen komplett im Autopilot. Sie handeln, ohne sich darüber wirklich bewusst zu sein. Dazu kommt ihre Denke. Sei es, dass sie sich in Geschehnisse einklinken. Ungefragt. Sie sind sich meist gar nicht darüber im Klaren, was sie tun. Das sie durch ihr Tun andere in ihrem Wirken gerade einschränken. Womöglich stören. Und in Zeiten von Smartphones, in denen ganze Bildserien innerhalb kürzester Zeit produziert werden, sowieso nicht. Ein Bild ist ein Bild. Manche kann man anschauen. Andere gibt es eben.

Dieses Motto hatte wohl auch die Gruppe Touristen. Sie war mittlerweile auf dem Steg angekommen. Unübersehbar. Unüberhörbar. 12 an der Zahl, wenn ich mich nicht verzählt hatte. Handys wurden gezückt. Bilder geschossen. Serienweise. Selfies. Allein. Mit anderen. Mit Sonnenbrille. Auch ohne. Natürlich. Duckface. Grimassen. Grölend. Nachdenklich in die Ferne blickend. Hand in der Hüfte. Dabei ein Bein leicht angewinkelt vor das andere geschoben. Auf zu neuen Ufern. Dann: Insta. Hashtag. Abzug.

Dieses ganze Spektakel dauerte knapp 4-5 Minuten. Dann verschwand der Flashmob wieder. Gefühlt wurden in dieser Zeit zig hundert Bilder gemacht. Einige würden zu Hause vielleicht nochmal drüberscrollen. Vielleicht könnte man eines für ein Profilbild nutzen. Aber mit Masse, so möchte ich mutmaßen, würden sie irgendwo in der Cloud bleiben. Zusammen mit den übrigen tausenden von Augenblicken. Die wir Menschen jeden Tag achtlos festhalten. Zur . Dokumentation das wir auch mal da waren. Heute Zürich, morgen Hamburg, irgendwann in London. Oder einfach nur auf einer Autobahnraststätte. Vor einem Supermarktregal. Irgendwo im Nirgendwo. Einsortiert unter dem Begriff ‚Belanglosigkeit’. Jedes dieser Bilder hatte in diesem Moment seine Bedeutung. Sie sind quasi die Visualisierungen unseres Kurzzeitgedächtnis. So schnell und unbedacht, wie wir sie gemacht haben, so schnell vergessen wir sie auch wieder.

Daher überlege ich mir immer im Vorfeld, ob ich ein Foto mache. Oder ob ich einen Augenblick einfach nur wahrnehme. Und in meinen Erinnerungen abspeichere. Mag sein das diese über die Jahre verblassen. Sich irgendwann komplett auflösen. Dafür aber kann ich sicher sein, dass ich die Schönsten auf einer Fotographie verewigt habe. Um mich immer wieder an glückliche Augenblicke zu erinnern. Wenn ich gerade mal nicht achtsam bin.

Apropos Achtsamkeit: hätte ich mich an diesem Tag völlig im hier und jetzt befinden, dann hätte ich vermutlich auch den Auslöser betätigt. So wie ich mich daran erinnere, wäre es sicherlich ein prima Foto geworden.

Ein anderes Bild, als Entschädigung für meine Unachtsamkeit. Aufgenommen in Laboe am 31.05.2019.

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