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Normal ist surreal

Dieser Lärm. Autos. Strassenverkehr. Irgendwoher ertönen Baumaschinen. Ich stehe auf. Gehe zum Fenster. Schaue raus. Oh, ein Flugzeug. Habe ich auch lange nicht gesehen.

Es ist Tag 2 der Lockerung. Bei dem Wort muss ich innerlich grinsen. Das ist doch absurd. Was denn für Lockerungen? Offiziell waren wir seit dem 17. März im Lockdown. Wir, damit meine ich die Schweiz. Ich selbst bin schon seit Anfang März nicht mehr ins Büro gefahren. Das sind knapp 2.5 Monate. Für mich. Diese Zeit habe ich komplett zu Hause verbracht. Allein. Ich kann im Homeoffice arbeiten. Was gut ist. Rausgegangen bin ich zum Einkaufen. Nahrungsmittel. Das Nötigste. Eben. Mit Schutzmaske. Wie mich die Leute angestarrt haben. Vermutlich waren sie ebenso verwundert wie ich. Wobei meine Verwunderung daher rührte, dass ich anfangs einer der wenigen war. Mit Atemschutz. Nun gut, jeder ist für seine Gesundheit auch ein bisschen selbst verantwortlich.

Nahezu täglich war ich auch spazieren. Draussen. In der Natur. Habe die Ruhe genossen. Ohne den Lärm der Stadt. Ohne den, der Flugzeuge. Und mich gewundert. Nämlich über die Menschen. Hier. Denn: Covid-19 war nur bei schlechtem Wetter. Das Frühlingswetter aber war sonnig. Auf den Spielplätze waren immer Familien, Mütter mit Kinder. Selten mal Väter. Mit ihren Sprösslingen. Und je näher der Tag der Lockerung rückte, um so voller wurden die Anlagen. Toben. Spielen. Alles ohne Maske.

In den Vorgärten sassen Menschen. Und grillierten. Schön in Gruppen. Manchmal zu 6, zu 8. Ja, so habe ich auch geguckt. Tatsächlich.

Meine Kollegen aus U.K. erzählten mir am Telefon wie heftig die Regeln auf der Insel waren. Auch aus Amerika bekam ich ähnliche Nachrichten. An der Laufstrecke am Hudson River griff die Polizei Jogger ab, um ihnen einen Bussgeld zu verpassen. Weil sie gegen die Ausgangsbeschränkungen verstießen. Nur als kleines Beispiel.

Meine Eltern, in Deutschland, wurden von der Nachbarschaft versorgt. Blieben aber selbst zu Hause. Und wir, hier in der Schweiz? Locker vom Hocker und ein bisschen Wilder Westen.

Gut, Sportstudios, Coiffeure, diverse Geschäfte, Restaurants, hatten alle geschlossen. Imbissbuden, Take Away’s, hingegen nicht. Am Eingang der Supermärkte gab es Desinfektionsmittel. An einigen stand ein Aufpasser und zählte die Kunden. Ohne Atemschutzmaske. Auch sonst trug das Personal keine. An allen Kassen gab es Plexiglasscheiben. Das musste reichen.

Und während alleinerziehende Mütter versuchten, den Drahtseilakt zwischen Beruf und Homeschooling zu bewältigen, war eigentlich alles. Nur eben kein Lockdown. Freunde berichteten mir von Kurzarbeit, teils bis zu 100%. Jobangst und Kündigungen. Stress. Verlust der Work-Life-Balance. Auch ein Anstieg von häuslicher Gewalt, war in vielen Ländern zu beobachten. Demonstrationen. Gegen die verordneten Schutzmassnahmen. Zum Schutz der Mitmenschen. Während man sich in der Schweiz komplett unabhängig fühlte.

Es gab keine Engpässe in den Lieferketten. Das fiel nicht nur in der Gemüseabteilung auf. Ein guter Indikator war auch die Verfügbarkeit von Toilettenpapier. Palettenweise stand es rum. Wartete auf den Ansturm. Den gab es tatsächlich nur in den ersten 2-3 Tagen. Ansonsten war alles immer und überall verfügbar. Wie gewöhnlich auch.

Und ich? Ich sass da. In meiner Wohnung. Und hoffte darauf das dieser Virus an mir vorbeigehen würde. Ausserdem war ja Lockdown. Somit fielen Reisen nach Deutschland auch aus. Besuche. Der Geburtstag meines Sohnes. Der meines Vaters. Muttertag. Während alle anderen so taten, wie wenn es diesen Virus nicht gibt. Alles etwas surreal. Widersprüchlich.

Über das Internet hielt ich Kontakt zu den Menschen, die mir wichtig sind. Und es kamen auch neue hinzu. Chats, Telefonate. Nur eben kein Treffen. Nichtmal ein Kaffee. Denn, jajaja, ich wiederhole mich…..es war ja Lockdown. Und selbst wenn kein Lockdown mehr ist, was würde das ändern? Es gibt keine flächendeckenden Tests. Ich kann einfach nicht wissen, ob ich gesund bin. War. Oder bleiben werde. Es gibt auch keinen Impfstoff. Keine Medizin. Nichts, was zuverlässig und sicher eine Infektion ausschliessen lassen würde.

2.5 Monate. Zweieinhalb Monate. Ohne einen sozialen Kontakt. Ohne das mich wer in den Arm genommen hat. Ohne das ich jemanden umarmt habe. Ich habe hier niemanden. Keine Partnerin. Kein(e) Kind(er). Und ich lebe in Scheidung. Aber ey, Hauptsache ich habe einen Job. Wenigstens habe ich keine grössere finanzielle Probleme. Daher gehe ich jetzt vielleicht einfach los und kaufe mir einen Teddybär. Da kann ich mich wenigstens nicht anstecken.

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