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Oliver Twist

An manch einsamen Tagen denke ich darüber nach mir eine Katze zuzulegen. Nicht so eine die ständig raus möchte. Eher so eine die komplett entspannt ist und die Welt gerne vom Fenster aus betrachtet. Niemand möchte eine Katze die jeden Morgen ein anderes totes Tier, sei es einen Vogel, oder eine Maus, anschleppt. Und dafür auch noch gelobt werden möchte, weil sie so ein tolles Raubtier ist. Nein.

In meiner Welt sind Katzen extrem fluffig, haben ein samtweiches Fell und eine gewisse Grösse. Alles was kleiner ist, sind modische Handtaschenhunde und Hamster. Damit kann ich nichts anfangen. Eine Katze muss man auf den Arm nehmen und sich im Winter über die Füsse legen können. Als Belohnung dafür, dass man ihnen täglich die Futterdosen öffnet. Ich finde das ist nur fair.

Früher hatte ich mal einen Kater. Er hiess Oliver. Von ,Oliver Twist’ abgeleitet. Auch er hatte ein ziemlich fluffiges Fell, was er wohl von seinen persischen Vorfahren geerbt hatte. Meine damalige Lebensabschnittsgefährtin und ich hatten ihm aus einer 5-köpfigen Katzenfamilie bekommen. Als wir ihn mit nach Hause nahmen lag er miauend und zusammengekauert in einem Katzenkäfig. Bei uns angekommen öffneten wir diesen und das weisse Fellknäul spurtete quer durch das Wohnzimmer. Verschwand unter dem Sofa und klammerte sich dann mit allen Vieren an dem Heizungsrohr fest. Erst am nächsten Tag, der Hunger war wohl zu gross geworden, traute er sich wieder hervor. Ich bereitete etwas Futter für ihn vor und nach anfänglichen Zögern mampfte er alles auf. Ich setzte mich in gebührendem Abstand auf den Boden und schaute zu. Völlig pappsatt kam er angelaufen. Blickte mich an. Und legte sich vor mich hin. „Miau“, tönte es leise. Nun bin ich kein wirklicher Katzenprofi, aber ich glaubte zu verstehen das er nun gestreichelt werden wollte. Was ich auch tat. Solange, bis er schnurrend einschlief.

In den nächsten Wochen wurde Oliver zum festen Bestandteil unserer kleinen Familie. Er folgte uns auf Schritt und tritt. Beobachtete uns. Unternahm Entdeckungsreisen ins Bücherregal, in den Kleiderschrank und unter alles, was für eine Katze eben so zugänglich war.

Auch nachts war er überaus aktiv. Zu gerne sass er auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer und lauerte darauf das ein Fuss unter der Bettdecke hervorschaute. Sobald dies der Fall war sprang er mit ausgefahrenen Krallen drauf. Biss zu. Wochenlang sahen meine Füsse aus wie nach einem Spaziergang durch einen Dornbusch. Auch meine Hände wiesen deutlich Spuren seiner Liebe und Zuneigung auf, die er mir beim Spielen entgegenbrachte. Doch er war auch extrem tiefenentspannt, ein Geniesser. Nahm ich ihn hoch und legte ihn mit dem Rücken auf meinen Schoss, dann genoss er es sehr wenn ich sein fluffiges Fell kraulte. Und kämmte.

Leider war unser Glück nur von kurzer Dauer. Meine damalige Partnerin nahm ihn mit, als wir uns trennten. Knapp 9 Jahre später teilte sie mir in einer Mail mit, dass Oliver an Nierenversagen verstorben war. Sie schrieb mir auch, dass er all die Jahre miauend an der Tür sass, wenn sie die Wohnung verlassen hatte, und laut miaute. Er hatte wohl, wie ein Kind, die Trennung nicht wirklich verkraftet.

Bei Katzen wird der Mensch Teil deren Universums. Von daher kann ich mir sehr gut vorstellen das in Olivers Universum eine grosse Lücke gerissen wurde. Meerschweinchen mit ihrem Stopfmagen haben damit vermutlich weniger Probleme. Sicherlich fühlen sie auch, aber beziehungstechnisch eben meist nur bis zu nächsten Gurkenscheibe.

Katzen sind da einfach anders. In allen Belangen. Ich glaube auch, sie wären prima Schachspieler. Sind sich aber dessen selbst bewusst und gehen gewieft jeder Herausforderung aus dem Weg.

Sicherlich wäre hier bei mir ziemlich viel Platz für eine Katze. Aber was, wenn ich mal verreisen möchte? Klar, derzeit ist das kein Thema. Aber so eine Katze lebt ja auch ein paar Jahre. Daher muss man schon sehr genau abwägen, wie man sein Leben zukünftig ausrichtet.

Wäre ein Hund nicht die bessere Option? So oft wie ich spazieren gehe sicherlich. Aber möchte ich tatsächlich 4-5 Mal am Tag raus? Früh morgens. Dazu noch bei Wind und Wetter? Kotbeutelchen in der einen, Regenschirm in der anderen Hand. Ich kann mich jetzt schon vor Begeisterung fluchend durch den Regen laufen sehen.

Vielleicht sollte ich mir einen Goldfisch anschaffen. Oder einfach mal mit meiner Einsamkeit selbst zurechtkommen. Das wäre durchaus extrem hilfreich.

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