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Paradigmenwechsel

Da sitzen sie nun. Und besprechen die alten Schriften. Versuchen zu erklären, wie dies und das gemeint war. Damals. Als es geschrieben wurde. Wie es heute zu sehen ist. Ob es noch Verwendung findet, bezogen auf unsere Zeit heute. Textinterpretation. Und wie man diesen Satz nun formulieren müsste. Damit er aktuell passt. Eine Allgemeingültigkeit ableiten. Aber verständlich.

Sie fühlen sich wie kleine Forscher. Die gerade das Rad neu entdeckt haben. Zum einhundertsten Mal. Weil die 99 Vorgängerversionen nicht rund genug waren. Dabei verstehen sie die Original-Sprache nur bedingt. Verlassen sich auf den, der übersetzt hat. Die Schrift lesen, die Worte deuten kann. Uuuuiii, ist das spannend.

Und traurig. Auch. Wer immer diesen Text geschrieben hat, der wusste bereits damals was wichtig ist. „Und wie ist das da gemeint?“, deutet einer auf ein Wort. Eine andere erklärt. Nicken. Zustimmung. Gleiches Verständnis. Gleichschaltung. Dann wieder grübeln.

Sie würden alles auswendig lernen. Um es genau so weiterzugeben. Immer und immer wieder. Und wieder. Wie eine hängende Schallplatte. Und andere würden zuhören. Ihren Worten lauschen. Dem wohltuenden Klang. Den der Inhalt verspricht. Die anderen würden so lange zuhören, bis sie alles glauben. Indoktrination.

Dann würden sie zurückkehren. In ihr Leben. Ihren Familien. Dem Ehepartner, der neuerdings so fremdartig erscheint. Sich quält. Mit Sorgen. Zurückgehen. In ihren Job. Im Supermarkt, der Verwaltung, der Fabrik. Und feststellen das alles sich verändert hat.

Doch eigentlich hat sich gar nichts verändert. Es ist alles gleich geblieben. In ihrem Leben. Dem Zeitraum ihres Lebens. Der Unterschied besteht in dem Vergleichsmuster. Denn wenn ich eine zig hundert, tausend Jahre alte Schablone als Benchmark nutze, dann erkenne ich durchaus signifikante Abweichungen.

„Die Menschheit leidet. Sie ist krank“, höre ich Eckhart Tolle sagen. In fast all seinen Vorträgen. Und vermutlich hat er recht. Bezogen auf das Mindset. Wir brauchen sicherlich einen Paradigmenwechsel. Allerdings nicht nur für eine kleine Gruppe, die sich auserwählt sieht. Eine Transformation für notwendig erachtet. Sondern für 7 Milliarden Menschen. Die alle ihre eignen Probleme haben. Jeder für sich. Leider auch je nach Herkunft. Gefangen in ihrer Situation. Ihrem Land. Teils umgeben von sozialer Armut. Tagelohn. Unwürdigen Arbeitsbedingungen. Von Hunger, Leid und Krieg.

Wir sitzen hier. In unserem sicheren zu Hause. Und diskutieren darüber, wie wir alte Lehren deuten. Damit wir uns besser fühlen. Weil unsere Probleme Stress und Hektik sind. Eine Online-Bestellung von der Post abholen müssen. Die GEZ-Gebühren um ein paar Cent gestiegen sind. Die Müller aus der Buchhaltung schlecht über uns gesprochen hat. Oder der Vermieter die Heizung nicht hat reparieren lassen.

Doch auf all die Annehmlichkeiten verzichten, das wollen wir nicht. Wieso auch? Immerhin haben WIR bereits erkannt, dass die Menschheit krank ist. Jetzt müssen wir es nur noch allen anderen vermitteln. Und wenn sich dann alle gleich schlecht fühlen, wiederholen wir einfach die Texte. Die wir so mühevoll auswendig gelernt haben. Erzählen ihnen unsere Interpretation. Lächelnd.

Ob unserer Erleuchtung. Fair trade Kaffee schlürfend. Chapeau!

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