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Plötzlich Veganer

Schweinefilet mit Sahnesauce, ein leckeres Fondue, in der Mittagspause schnell mal eben ein warmes Schinken-Käse Sandwich, nach dem Ausgang noch eben einen Döner…all sowas habe ich mir über die letzten 25 Jahre zu essen gegönnt. Es gab sogar Zeiten, da habe ich mich sogar fast ausschließlich von Fast Food ernährt. Dinge, die ich in diesen Jahren nur selten – und wenn, dann schon gar nicht bewusst – gegessen habe,waren Obst und Gemüse. Tatsächlich fand ich es besser,meinen Körper mit Schoggi und Chips zu versorgen, anstatt mal einen Apfel, geschweige denn eine Ananas zu essen. Und außer Kartoffeln und Karotten, im Zweifelsfall mal einen Salat, nahm ich die Obst-und Gemüseabteilung eher als einen verlängerten Eingangsbereich von Supermärkten wahr. Kurzum, ich war unvernünftig und dumm. So empfinde ich das heute. 

Was interessierten mich Ratschläge von Ärzten, hier mal etwas weniger Zucker oder da mal etwas weniger Salz zu verwenden. Auch nicht immer „zu scharf“ zu essen (wobei: wer seinen Döner nicht anständig würzt, hat eh nie richtig gelebt). Und wenn der Darm an manchen Tagen mal nicht richtig mitspielte und der Tag mit einem schon schmerzhaften Stuhlgang begann, dann war vielleicht das Essen am Vortag „nicht so gut“, oder „ich habe das Hackfleisch gestern nicht so gut vertragen“……MOMENT? WAS? Nicht vertragen? Ja, stimmt genau! Vertragen hast Du es nicht. Und zwar nicht weil das Produkt vielleicht aus dem Supermarkt kam, sondern weil dir Dein Körper bereits hier schon Warnsignale gesendet hatte, die Du schlichtweg ignoriert hast. 

Irgendwann wurden die Probleme mit der Verdauung grösser. Und auch der Darm wollte nicht mehr so, wie er müsste, um die heutige Industrieware angemessen zu verdauen. Also stieg ich um. Ich reduzierte meinen enormen Fleischgenuss. Ich griff öfter zu Dinkelprodukten, selbst bei Pasta, und vermied Weizen. Zeitweise gelang es mir sogar, mich ausschließlich vegan oder später zumindest vegetarisch zu ernähren. Hatte ich Lust auf ein Käsebrötchen, ein Stückchen Sahnetorte, oder zum Dinner auf etwas Lamm, so gönnte ich mir das. Bis ich irgendwann wieder in alte Muster verfiel. Und wie es eben ist im Leben: eine zeitlang ging alles gut. Nicht nur Tage, Wochen, nein, monatelang aß ich was ich wollte. So viel wie ich wollte. Es war ein kulinarischer Traum.

Gut, dass ich von Jeansgrösse 34 auf 38 ging, meine schönen neuen Klamotten nicht mehr passten, das alles empfand ich eher als nebensächlich. Immerhin hatte mein Körper über die Jahre so oft Gewichts-Jo-Jo gespielt, das wird schon. Wurde ja immer. Dachte ich. Doch diesmal nicht. 

Als die Verdauungsbeschwerden zurückkamen und ich 2 Wochen verschiedene Antibiotika nehmen musste, mich ausschließlich von Suppe und geriebenen Äpfeln ernährte, literweise Wasser und Tee in mich schüttete, da wusste ich für mich: Freund, Du musst was ändern. Sonst wird das irgendwann nicht mehr kontrollierbar sein und böse enden. 

Um meinen Körper wieder auf Vordermann zu bringen entschloss ich mich zu einer radikalen Veränderung meiner Ernährungs-und Essgewohnheiten. Da ich nicht genau wusste, was meinen Darm so aus der Spur gebracht hatte, fing ich an zu experimentieren. Einzige Voraussetzung: gesund und schonend muss es sein. Das Ziel: beschwerdefrei zu werden. 

Frühstücken. Super Sache. Soll ja die wichtigste Mahlzeit des Tages sein. Müsli. Klingt gut, ist auch gesund, mit Obst noch gesünder, perfekt. Milch dazu…ups. Das war dann vielleicht doch nicht die beste Idee. Vielleicht also doch kein Frühstück? Obwohl es die wichtigste Mahlzeit des Tages ist….Moment…Soja. Dann mal los. Ja, Soja ging. Aber nur von Müsli und Obst mag ja niemand leben. Ich auch nicht. Dementsprechend begann ich, mehr Gemüse, Obst und sogar sogenannte „Fleischersatzprodukte“ zu kaufen. Dafür war alles tierische (Milch, Joghurt, Schoggi, Chäs und vor allem Fleischwaren) ab sofort Lava. Und Lava ist gefährlich. Darüber hinaus strich ich jegliche Weizenprodukte für mich. Weizen soll ja sowieso auch nicht so gut für die Gesundheit sein, hatte ich gehört. Und Backwaren ohne Butter und Belag empfinde ich grundsätzlich auch weniger spannend. Einzig allein Pasta möchte ich nicht so ganz streichen, aber hier gibt es zum Glück auch Dinkel-Alternativen. 

Klingt alles leicht? Nein? Ist es auch nicht. Zum einen kann ich selbst in der Gemüseabteilung nicht alles essen (z.B. Kohl, Pilze, Zwiebeln, Linsen, Bohnen, kurzum, alles was zu sehr bläht). Zum anderen, und hierbei unterscheide ich mich vermutlich von den restlichen Veganern hier auf diesem Planeten, tue ich das aus gesundheitlichen Gründen und weniger aus kompletter Überzeugung. Vorab: Auf die Folgen und den Sinn von Massentierhaltungen, industrieller Skalierung zur Profitsteigerung, oder einer Überproduktion von Nahrung im Gesamten und den Folgen für die Umwelt, möchte ich hier nicht eingehen. 

Wenn jedoch jemand der Meinung ist, dass Geflügel aus der Kühltheke zu einem unschlagbaren Dumping-Preis, Fast Food Burger zur Steigerung des eigenen Kolesterinhaushaltes, tonnenweise Zucker oder Geschmacksverstärker glücklich machen: feel free. Ich kann das nicht (mehr). Denn ich bin plötzlich Veganer.

Vermutlich ist es eben auch genau das, was es mir an dieser Angelegenheit im Kopf so schwer macht: Ich muss mich einschränken. Sicherlich weiß ich, dass mir mein Verstand einen Streich spielt. Denn ich kann ja essen, was ich möchte. Theoretisch zumindest. Und es geht mir ja auch deutlich besser. Gesundheitlich. Das Gewicht senkt sich auch, zwar langsam, aber stetig. Trotzdem sagt mein Kopf: DU MUSST DICH EINSCHRÄNKEN! Kompletter Nonsens. 

Spannend finde ich allerdings, dass Leute mich fragen, wie es mir geht und ob ich eine spürbare Verbesserung meiner Gesundheit wahrnehme. Jetzt, wo ich mich gesund ernähre.

Man stelle sich diese Fragen unter Mischköstlern vor: 

»Ey, Du hast Dir gerade diesen herrlichen Mc Raclette zu Gemüte geführt. Wie geht es Dir jetzt dabei?«, oder

»Das waren gerade 250g herzhaftes Angus Rind. Spürst Du das irgendwie, vielleicht an Deinem Blutdruck?«

Natürlich fühle ich mich insgesamt besser. Ich ernähre mich gesund. Meine Beschwerden sind weg. Und das ist für mich die Hauptsache. 

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