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Rebellion

An der Sekretärin vorbeilaufen raunte er: „Sie können schonmal meine Papiere fertig machen.“ Dann ging er in das Büro des Direktors. Schloss die Tür hinter sich. „Nehmen Sie Platz“, wies der alte Schulleiter ihn an, ohne ihm die knochige Hand zu Begrüssung zu reichen. Mit grimmigem Gesicht schaute der Rex auf eine Akte. Es war seine. Stirnfalten runzelten sich. Wie alt er war. Jeder an der Schule fürchtete ihn. Der Rex war vom alten Schlag. Ein durch und durch strenger Mensch. Ohne Empathie für die Belange anderer. Sein Kurzhaarschnitt stammte vermutlich noch aus seiner Militärzeit. Un militärisch war auch sein Auftreten. Ebenso seine Stimme. Zackig. Und die ertönte jetzt: „Ihre Eltern habe ich ja bereits beim letzten Gespräch informiert.“ Und wie er das hatte. Die Standpauke die er zu Hause erhalten hatte war episch gewesen. 

Eigentlich müsste er bereits daran gewöhnt sein. Bereits seit er 7. Klasse waren Elternsprechtage mit persönlich überreichenden Blauen Briefen die Regel. Ständig hatte irgendwer irgendwas an seinem Verhalten auszusetzen. Seine schulischen Leistungen waren mit den Jahren immer schlechter geworden. Wann fing das eigentlich an? Er dachte nach, während der Rex lautstark Gift und Galle spuckte. Sah nur wie sich dessen Mund zu einer hässlichen Fratze verzog. Hörte aber nicht zu. 

Damals, als er nicht auf das Gymnasium durfte, da ging das los. Von 23 Grundschülern kamen 13 auf die Hauptschule. 5 wurden für das Gymnasium empfohlen. Alle seine Freunde. Und 3, darunter er, für die Realschule. So war das nicht geplant. Definitiv nicht. Realschule, weder Fisch noch Fleisch. Irgendwas dazwischen. Die Mittelstufe, dass waren die, die zu clever für eine Hauptschule waren, aber die später nicht studieren durften. Wie gerne wäre er Pilot geworden. Aber das ging ja nicht, allein schon wegen der Plomben. Dann wenigstens Journalist, oder Buchautor. „Dafür muss man gut in Deutsch sein“, hörte er immer wieder. War er eigentlich. Er konnte sich gut ausdrücken. Aber Diktate waren die Hölle. Aufsätze, das war genau sein Ding. Er las tonnenweise Bücher. Vielleicht hatten seine Lehrer deswegen meist ein Auge zugedrückt. Am Anfang. Wenn er in den Aufsätzen Komma und Zeitformen nicht korrekt einsetzte. „Grammatikregeln waren sowieso komplett überbewertet“, dachte er. Und ausserdem, wenn jemand ein Buch schreibt, dann liest später sowieso nochmal wer drüber. Der Rex war rot anlaufen. Er jedoch schwieg. Hing weiter seinen Erinnerungen nach. 

Die ständige Schulwechsel waren auch nicht wirklich förderlich gewesen. Drei kamen mit den Umzügen. Als sein Dad einen neuen Job hatte. Der letzte, Schulwechseln Nummer 4, war notwendig weil er die Mittlere Reife vermutlich nicht bestanden hätte. So kam er nach der 9. Klasse auf diese Wirtschaftsrealschule. Zu Beginn war alles wie immer gewesen. Neue Umgebung. Neue Mitschüler. Neue Lehrer. Manche locker, andere hatten die Erziehungsmethoden der späten 1940er mit der Muttermilch aufgesogen. Neue Fächer. Datenverarbeitung, Schreibmaschine, BWL…..vor allem BWL. Welch ein Horror. Er verstand einfach Nichts. Die letzte Arbeit hatte er geschwänzt. Dafür durfte er sie nachholen. An einem Pult. Ganz vorne. Allein. Während die Klasse Unterricht hatte. Irgend ein Depp hatte ihm von hinten eine Cola-Dose an den Kopf geworfen. Er war aufgesprungen und ging auf den Typen los. Es war der Ober-Bulli in der Klasse gewesen. Das Mega-Ar***loch. Eine Ratte. Ein Heuchler. Gute Noten und im Unterricht voll da. Aber sobald kein Lehrer in Sichtweite war, zeigte er anderen sein wahres Gesicht. Stichelte andere an. 

Ein paar Wochen zuvor hatten sie einen Mitschüler unter den Duschen, nach dem Sportunterricht, angepinkelt. Diese Assis. Der Junge, er kam aus Ostdeutschland, war ebenso Ziel von Angriffen gewesen, wie er selbst. Dessen Vater hatte richtig Alarm gemacht, als der nach der Aktion in der Schule auftauchte. Danach wagte niemand mehr den „Ossi“ anzufassen. Im Gegenteil. Vermutlich wäre sein Dad nach so einer Aktion auch in der Schule vorstellig geworden. Das wäre aber nicht so gut gewesen. Immerhin wurde es nur noch schlimmer, als sein Dad und seine Mum bei den Eltern von einem Mitschüler aufschlugen, der ihm die Nase mit einem gezielten Faustschlag gebrochen hatte. Im Sport. Weil er im Volleyball einen Ball verpasste. Für diese Aktion bekam der Mitschüler gewaltig Ärger. Vor allem zu Hause. Und er? Er war geächtet. In der der Klasse. Weil er seinen Eltern erzählte was passiert war. „Petze, Judas“, hatten sie ihn tituliert. Wie sollte er denn den Verband an der Nase vor seinen Eltern verheimlichen? Seit diesem Tag und weil „der Ossi“ jetzt Teil der Klassengemeinschaft war, war er zum neunen Ziel geworden. Das Feindbild Nummer Eins. Daher ging er auch seltener zu Schule. Wenn überhaupt. Lieber trieb er sich in der Stadt rum. Hing stundenlang im „Old Vienna“ ab. Wo im niemand an die Wäsche wollte. Wo es eben keine Querellen gab. Keine Keile. Und weil Schulschwänzen eben verboten war, wurden seine Eltern einbestellt. Darum sass er jetzt hier. Im Rektorat. Vor sich den keifenden Rex, der sich aufgerichtet hatte. Mit hochrotem Kopf verkündete: „…..und daher werden Sie nun für 2 Wochen von der Schule verwiesen!“

Ein Schulauschluss, weil er geschwänzt hatte? Das war also die Lösung? Geil. 

„Wissen Sie was? Sie können mich mal.“, langsam stand er auf. Ging zur Tür. Mit den Fäusten auf dem Schreibtisch abgestützt brüllte der Rex: „Wie können Sie es wagen? Aus Ihnen wird nie was werden!!!“ Schulterzuckend und wortlos, mit einem Grinsen auf dem Gesicht, ging er aus dem Büro. Im Sekretariat unterschrieb er seine „Entlassungspapiere“ und ging hinaus. 

Hätte ihm an diesem Tag jemand gesagt, dass er in zwanzig Jahren seinen Bachelor mit Bestnoten abschließen würde, mit einer glatten 1 in BWL, er hätte laut gelacht. Ebenso, wenn jemand behauptet hätte, dass er irgendwann im Ausland für eineKonzern arbeiten würde. Jetzt genoss er erstmal seine Freiheit. Die Freiheit zu tun und zu lassen, wonach ihm gerade der Sinn stand. Und das war definitiv nicht zur Schule gehen. Die Rebellion war im vollen Gange. 

Another Brick in the Wall (Pink Floyd)
We don’t need no education
We don’t need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave them kids alone
Hey, teachers, leave them kids alone
All in all it’s just another brick in the wall
All in all you’re just another brick in the wall
We don’t need no education
We don’t need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave those kids alone
Hey teachers, leave those kids alone
All in all you’re just another brick in the wall
All in all you’re just another brick in…
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