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Replyologie

In der virtuellen Welt gibt es die unterschiedlichsten Diskussionen. Es ist ein wahre Meer an Wissenswertem, Spass, aber leider auch viel Stuss. Oder enormen Auflegern. Tatsächlich ist für jeden Emotionslage ein entsprechendes Angebot vorhanden. Was durchaus gut und hilfreich sein kann. Doch manches ist mitunter einfach nicht förderlich für den Blutdruck.

Bevor wir dieses Thema nun vertiefen, möchte ich Dich mit den Begriffen vertraut machen. Das erleichtert das Lesen etwas.

Zusammensetzung und Definition

Replyologie: [aus dem engl. Reply, Kommentar, Antwort, wörtlich „(ungefragt) seinen Senf dazugeben“, und -ologie] ist jene semi-wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Typisierung, den Ursachen, sowie Verbreitung und Folgen von Kommentaren im Internetz beschäftigt.

Der einfachheitshalber beschränkt sich dieser Blog-Beitrag auf das Netzwerk Twitter. Findet aber ebenfalls auf Zuckerberg‘schen Plattformen seine Anwendung.

Typisierung

Reply (pl. Replies): auch DruKo (drunter Kommentar) genannt; nette, freundliche, konstruktive Antwort

RfH: „Reply from hell“, provozierend, oder unverschämte, meist mit vulgärem Wortlaut formulierte, Antwort, respektive Beleidigung

DrüKo: (drüber Kommentar), mit einem Link zu einem Post oder Tweet (Retweet Antwort Funktion) eines anderen Accounts. DrüKo haben eher eine Zwitterstellung. Sie können mit einem RfH versehen sein, oder auch nicht. Je nach Intention.

Verbreitung

Tatsächlich steht jeder Tweet erstmal für sich selbst. Doch Replies erfreuen sich grosser Beliebtheit und folgen dem Prinzip der Ursache-Wirkung, auch bekannt als Aktion-Reaktion. Auch die klassische Transaktionsanalyse (TA) findet hier ihre Anwendung. Noch dazu gilt GG Artikel 5, auf den man sich im sonst so rechtsfreien Raumes des Netzes gerne beruft.

Der Grund für eine Reply ist meist die Kernaussagen eines Tweets. Auch die Verwendung von bestimmten Hashtags wird als Kommentar-Einladung empfunden. Übrigens spielt es keine Rolle ob dieses bewusst, oder in völliger Unwissenheit der etwaigen Folgen gesetzt wurde. Unter Umständen kann aber auch die Un-/Beleibtheit, des Autors eine Rolle spielen.

Eine gewöhnliche Reply ist bereits eine Seltenheit. Allerdings bezieht sie sich zu 99.9% auf den Inhalt des ursprünglichen Tweets. Sie enthält eine konstruktive, nette oder aufmunternde Formulierung. Kann aber auch ein Emoji enthalten. (z.B. ❤️, ☕️, etc.). Derart Replies werden mit Masse als angenehm und wohltuend empfunden.

Spannend wird es ab der nächsten Stufe: dem RfH. Ziel derlei Kommentare sind eine Diskreditierung des Autors, oder das Auslösen eines Shitstorms. Je nach Ausprägung des eignen Egos, oder dem Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit, werden DrüKos als Werkzeug eingesetzt.

In mehreren Studien konnten Wissenschaftler bereits entscheidende Schlüsselkomponenten eruieren. So lässt sich schon an der Art der Formulierung sehr rasch erkennen, wessen Geistes Kind der Kommentator ist. Hierbei spielen Kernaussagen (politische Einstellung, Beleidigung etc.) eine Rolle, ebenso die Rechtschreibung und das verwendete Vokabular. Dadurch ist es möglich im Vorfeld Rückschlüsse auf den etwaigen IQ des RfH-lers zu ziehen. Auch Bots (Indikator: 0 Tweets, 0 Follower, folgen selbst >1k an bekannten Account, seit <2018, Eier-Ava) können so identifiziert werden.

Selbstverständlich sind nicht alle Antworten plump. Mitunter sind sie auch scharfsinnig, oder subtil bösartig verfasst. Je nach Ausgangstweet, kurz & prägnant. Profis auf diesem Gebiet nutzen selten 240 Zeichen, jedoch die gesamte Bandbreite an grammatikalischen Stilmitteln.

So kann eine Reply-Battle bereits nach der ersten RfH beendet sein. Doch Zwischenrufe sind jederzeit möglich. Teils sogar gewünscht, um eine scheinbar beendete Debatte neu zu entfachen. Das Publikum entscheidet via Fav (Like, Bestätigung) wer „gewonnen“ hat. Vergleichbar mit den Veranstaltungen im Circus Maximus.

Eine besondere Herausforderung sind sogenannte „traps“. Also Fallen. Hierbei bereitet der RfH-Profi seine Bösartigkeit vor, indem er eine offensichtlich harmlose Antwort gibt, oder eine Frage stellt. Sobald eine Reaktion, seitens des Autors erfolgt offenbart der RfH-ler seine Absicht. Wissenschaftler weltweit konnten in unterschiedlichen Versuchsanordnungen epische Chatverläufe nachverfolgen, in denen sich Menschen um Kopf und Kragen geschrieben haben.

Replyolog/innen/en verwenden als Basiswert, für die Kalkulation einer Ausbreitung von Reply-Battles, die Werte F (Anzahl der Follower)und P (Popularität), Skala 1-10). Multipliziert man diese Werte erhält man frühzeitig Aufschluss über einen möglichen Verlauf/Ausgang. Allerdings versuchen Forscher gerade neue Modelle zu entwickeln, um genauer Einschätzungen abgeben zu können. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, das dividieren mittels der Variable B (geistige Blindheit). Sie kann erhebliche Auswirkungen auf das Ergebnis haben. Da es sich um eine Variable handelt ist deren Einsatz sehr umstritten. Nicht zuletzt ist sich die Fachwelt auch noch nicht über den optimalen Schwellwert einig. Ein Wert von Drölfzigtausend steht zur Debatte.

Oben wurde bereits die Verwendung von Hashtags angesprochen. Auch dies kann erheblichen Einfluss auf die Replies haben. Hashtags beziehen sich häufig auf tagesaktuelle Ereignisse, die in den Trends zu finden sind. Sie fungieren als Oberbegriff zu einem bestimmten Thema und sind wahre Trigger. Dabei ist es völlig irrelevant welche Position der Tweet-Autor einnimmt (z.B. #noAFD, #Maskenpflicht, #Maennerwelten). Es gibt immer jemanden, der sich an einem Tweet reiben kann. Ausserhalb der USA hat Twitter täglich 121 Millionen Nutzer (Quelle). Die Chance auf eine ausschweifende Kommunikation ist quasi, Standortunabhängig, zu jeder Zeit gegeben. Hinzu kommen ein Vielzahl von Interessengemeinschaften, auch bekannt als „Bubbles“. Diese haben zu einem bestimmten Thema eine, (ausschliesslich) für sich sehr klare, meist sehr radikale, Meinung. Welche sie vertreten. Oftmals Lautstark. Auffällig oft ist hier ein sehr hohen Aggressionspotential erkennbar. Gerade dann, wenn 2 Bubbles aufeinandertreffen, gleicht die Auseinandersetzungen einer mittelalterlichen Schlacht. Es wird beleidigt, gehauen, geschlagen, an den Haaren (herbei-)gezogen, bis eine(r) heult.

Folgen

Worte sind eine mächtige Waffe, die in ihrer Konsequenz brutale Schäden anrichten können. Die Auswirkungen sind offensichtlich und deutlich spürbar. Menschen fühlen sich Missverstanden, gemobbt, oder gehasst. Daher ist es nicht verwunderlich das soziale Netzwerke bei einigen Menschen tatsächlich tiefe psychische Probleme und/oder Bluthochdruck auslöst. Viele Accounts löschen die App, oder melden sich ganz ab. Um diesem Wahnsinn zu entgehen.

Effektive Gegenmassnahmen / Eindämmung

Es besteht durchaus die Option Accounts oder Chatverläufe stummzuschalten. Ausserdem kann man bestimmte User auch komplett blocken. So können sie weder Tweets sehen, noch für ihre Zwecke missbrauchen. Zusätzlich gibt es, besonders bei zu radikalen, menschenverachtenden Einstellungen häufig genutzt, die Melde-Funktion.

Ebenfalls sehr effektiv ist der Einsatz von Blockchain Add-ons. Hierbei werden ganze Bubbles blockiert. Tests mit den Accounts von AfD Politikern haben zum Beispiel gezeigt, dass man zig Tausende von Nazis und Faschisten kategorisch aus Diskussionen ausschliessen kann. Völlig schmerzfrei.

Die effektivste Methode jedoch ist es, überhaupt nichts zu schreiben. Denn am Ende des Tages diskutiert man zwangsläufig auch mit Menschen, die man im Leben niemals treffen wird. Denn virtuelles Tauziehen ist die Verschwendung wertvoller, eigener Ressourcen.

Und sollte der innere Drang, etwas zu schreiben, zu gross werden, so kann man seine Zeit auch dafür nutzen satirische Texte zu verfassen. Ich denke das geht ganz gut. *zwinkerzwonki

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