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Seelenlos

Erfrischend diese Regentropfen, die mir auf die Glatze prasselten. Ich bog hinter der Bahnlinie rechts ab, vorbei an der Schule. Dort kam ein künstlich angelegter Bach. Die Sträucher und Pflanzen am Ufer waren seit dem Frühling extrem gewachsen. Und so waren Teile des Bachs an manchen Stellen überwuchert mit saftig ausschauendem Grün. Dem Verlauf folgend war das Künstliche schon eher zu erkennen. Kurz dahinter begannen nämlich die Wohnanlagen. Homogene Blöcke, monoton rot gehalten. Die Plattenbauten der Neuzeit. Seelenlos. Der Eingangsbereich für die Einliegerwohnungen war, wie oftmals üblich, ein langgezogener Gang. Im Abstand von 3 Metern ragten Betonpfeiler hoch, auf dem die Balkone des nächsten Stockwerks gebaut worden waren. Zwischen 2 Pfeilern stand ein Mann in T-Shirt und Shorts. In der einen Hand eine Zigarette, in der anderen eine Kaffeetasse. Er schaute zufrieden und blickte dabei auf den kleinen Bachlauf und das Grün. 

Im Grunde bin ich kein Fan von Geoengineering. Natürlich ist es ein spannendes Thema und schaut man sich die Anlagen an, die bereits im alten Ägypten zur Bewässerung genutzt wurden, so hat es durchaus seine Daseinsberechtigung. Ausserdem nutzen wir tagtäglich diese Errungenschaft. Sei es durch Strassenverläufe, Begradigungen der Flüsse (zum Beispiel des Rheins) und so weiter. Und das ist ein stückweit auch ok. Nur dieses Übertriebene „Wir müssen was tun, damit es natürlich ausschaut“ ist wirklich sehr anstrengend. Schon allein fürs Auge. Man sieht einfach ob etwas natürlich und frei gewachsen ist, oder ob es sich um eine von Menschenhand geformte Struktur handelt. Was ich sehe nehme ich auf. Und mein Gehirn signalisiert mir: künstlich, unecht, erzwungen, unfrei. So etwas finde ich persönlich sehr beklemmend. 

Das einzige was das Ganze noch toppt, sind Steingärten. Diese, vermutlich am Reisbrett konstruierten, Kahlschläge. Am besten jeden Kiesel scheinbar nach Feng-Shui ausgerichtet. Dazwischen, sehr minimalistisch: Kakteen. Für den mediterranen Flair. Um die Sterilität etwas aufzupeppen. Quasi der Rucola unter den Gärten. Da wird mir richtig schlecht, so langweilig finde ich das. Wenn ich derart Wohnanlagen durchstreife, kommt mir sofort in den Sinn, dass die Hausverwaltung vermutlich sehr geringe Kosten für die Pflege des Hauses ausgeben möchte. Aber ey, asiatische Lehren gelten heuer als schick. Gepaart mit dem Feeling einer spanischen Wüstenlandschaft fühlt man sich hier sicherlich ausgeglichen und ständig wie im Urlaub. Nun gut, ich habe nie behauptet nicht merkwürdig zu sein.

Und der Typ mit seiner Kaffeetasse lächelte mir nun freundlich zu, als ich so den Weg entlang schlenderte. Vermutlich genoss er es tatsächlich früh morgens vor seiner Haustür zu stehen und auf diesen Bach und die Pflanzen zu schauen. Weder links noch rechts von seiner Haustür waren Fenster zu sehen. Von daher konnte ich nur ahnen das er einfach nur einen Raum bewohnte. Wenn auch vermutlich nur mit einem sehr kleinen Bad. Aber eben ohne Fenster. Wie konnte man Menschen nur so unterbringen? Doch er schien glücklich. Froh darüber eine Wohnung ist dieser Stadt gefunden zu haben. 

Gedankenverloren ging ich weiter. Ich wollte noch zum Supermarkt, etwas Gemüse einkaufen. Tomaten, Zucchini, Lauch, Paprika, Peperoni….meiste aus den südlichen EU-Staaten. Es würde ein herrlich mediterranes Mittagessen werden. Das passte gut. Zu meiner einfachen, asiatischen Lebensphilosophie.

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