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Übertragung

Der altgediente Fahrkartenkontrolleur hat einen jungen Mann im Schlepptau. Dessen Gesicht zeugt, trotz seines jungen Alters, von einem exzessiven Leben. Mit ebenso intensiven Erfahrungen. Seine Wollmütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Sie verdeckt seine wuchtige Stirn zwar, hebt so aber deren Konturen mehr hervor. Dazu sein ungepflegter Vollbart. Und dennoch sind da seine Augen. Es sind die eines Kämpfers. Jemanden, mit dem nicht gut Kirschenessen ist.

Fokussierter Blick. Den Kopf leicht gesenkt. Die Körperhaltung wirkt entspannt. Auch durch die Hände, die er schuldbewusst in seine Hosentasche gesteckt hat. Trotzdem ist seine non verbale Kommunikation klar lesbar. Ebenso seine Mimik. Und seine Mimik spricht Bände. Nichts ist entspannt. Im Gegenteil.

Er weiss das er ohne gültigen Fahrschein angetroffen wurde. Ihm ist klar das er gerade ein Problem hat. Die Tatsache, dass er von der 2. Klasse in die 1. geführt wurde Macht die Situation nicht besser. Fahrgäste schauen sich um. Beobachten. Werten. Verurteilen. Still. Aber spürbar.

Es scheint als wäge der Mann ab. Soll er argumentieren? Sich verteidigen? Es scheint die beste Option. Oder doch eher die rabiate Tour? Er blickt sich nervös um. Zeugen. Überall. Zeugen sind schlecht. Immer. Er weiss das.

Sein Blick verrät ihn. Der Schaffner tritt einen halben Schritt zurück. Leicht versetzt. Wie um aus einem imaginären Schlagradius zu gelangen. Er scheint es zu ahnen. Die Situation ist angespannt. Alles ist möglich.

‚Reiss Dich zusammen, Bursche. Das ist es nicht wert‘, denke ich mir. Für eine 10er Fahrt eine Anzeige zu riskieren. Weil man einen Zugbegleiter niedergestreckt hat. Dazu noch ohne gültigen Fahrschein.

Ich sehe wie er mit sich ringt. Er ist wütend. Ein 2. Zugbegleiter kommt hinzu. Na prima. Ein Tribunal über einen Schwarzfahrer, der in der ersten Klasse vorgeführt wird. 2 Ankläger. Dazu das Publikum.

Stimmengewirr. Stimmen die sich erheben. Erklärungsversuche. „Ich steckte den Schein oben in den Automaten, da kam er unten wieder raus“, verteidigt sich der Mann etwas lauter. Zahlen wolle er jetzt nicht. Schliesslich sei der technische Defekt am Ticketautomaten nicht sein Fehler gewesen. Er wäre ja willig gewesen zu zahlen. Nur eben jetzt nicht mehr, so könne man nicht mit ihm umgehen. Er sei ja auch ein Mensch.

Man könne ja auch die Polizei anrufen, schlägt der hinzugekommene Schaffner vor. Die würde ihm aber eben auch gleich das Geld für die Busse abnehmen.

Polizei. Hier im Schwabeländle hat dieses Wort noch eine respektable Bedeutung. Wieder Blicke. Wieder dieses Abwägen.

Ich kenne diesen Typus. Von früher. Irgendwann, zu einem undefinierten Zeitpunkt, da kommt eine Linie. Eine hauchdünne, fast unsichtbare Grenze. Das kann alles sein: ein Wort, vielleicht sogar ein Satz, eine falsche, zu schnell ausgeführte Bewegung. Dann knallt es. Und zwar keinen Beifall. Sondern 2 Mal. Zuerst mit seiner Hand ins Gesicht des Kontrolleurs. Dann mit dem Kopf gegen die Wand. Es wird nicht länger als 2, 3 Sekunden dauern. Und der Schaffner wäre ausgeknockt. Danach würde er sich um dessen Kollegen kümmern und am nächsten Halt flüchten.

Unruhig wippt er vom einem Bein auf das andere. Seine Augen werden hektischer. Dann treffen sich unsere Blicke. Für einen kurzen Moment ist da sowas wie ein offener Kanal. Ein direkter Draht. „Das ist es nicht wert. Glaub mir.“ – das geht mir gerade durch den Kopf. Und vermutlich übertrage ich das auf meine eigene Mimik. Ich sende. Er empfängt. So hat es den Anschein. Denn plötzlich hält er inne und sagt zu dem Schaffner: „Na gut, dann zahle ich eben diese Busse. Ist dumm gelaufen. Aber ich will auch keinen Stress mit den Bullen haben.“

Innerlich spüre ich Erleichterung. Aufatmen kann ich erst, als der junge Mann am der nächsten Bahnhof den Zug verlässt.

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