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Verdrängte Signale

Da war er. Der Moment. Dieser eine Moment, den ich so lange geahnt hatte. Tage, Wochen, Monate hat er mich wachgehalten. Immer und immer wieder habe ich versucht zu genau diesem Punkt zu vermeiden. Den Moment, an dem die Liebe verschwindet. Doch war sie tatsächlich verschwunden? Oder einfach nicht mehr spürbar? 

Liebe, so sagt man, verschwindet nicht von heute auf morgen. Sie geht nicht einfach so weg. Verlässt uns. Liebe zerbricht auch nicht einfach so. Schon gar nicht wenn es keinen Grund dafür gibt. Sie zerbröselt vielmehr. Erst unmerklich. Vom Rand weg. Sie bekommt mitunter auch Risse. Anfänglich sind es kleine Risse. Dünn, wie Fäden. Dann allerdings werden sie grösser. Reissen auf. In merkwürdigen Mustern. Bis sie dann zu Spalten werden, ähnlich denen bei Gletschern. Oder dem Polareis. Immer grössere Stücke brechen heraus. Und je nachdem, wie gross die Liebe war, geschieht dies über einen relativ kurzen Zeitraum. Oder überdauert Jahre. Bis letztendlich grosse Stücke zerbresten. Auseinanderbrechen. Welche die Liebe in tausende von Teile zerbricht. 

Aber wieso bemerken wir das nicht? Im Vorfeld schon? Bevor dieser Punkt, der meist unumkehrbar ist, erreicht wird? Und selbst wenn wir es merken, fühlen, wieso gestehen wir es uns nicht ein? Ist es Bequemlichkeit? Wem gegenüber? Etwa uns selbst? Anderen gegenüber? Oder sind wir zu sehr darauf erpicht Konflikte zu vermeiden?

Dabei ist Liebe etwas wunderschönes. Sie macht uns glücklich. Gibt uns das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Lässt uns strahlen. Macht uns euphorisch. Ausgewogen. Liebe gibt uns so viel. Und doch nehmen wir sie mitunter kaum wahr. Schon gar nicht, wenn wir sie länger haben. Dann ist sie da, ein Teil unseres Lebens. Wird zur Normalität. Wie das Atmen. Wir hinterfragen sie nicht. Nehmen sie als gegeben hin. Anstatt sie als Geschenk wahrzunehmen. Und eben als genau solches zu betrachten. Mit Freude. Nicht als Selbstverständlichkeit. Denn nichts ist selbstverständlich. Schon gar keine Geschenke. 

Lange hatte ich es vermutet. Mein Bauchgefühl sagte mir: „hier stimmt was nicht.“ Doch ich habe nicht zugehört. Selbst als mein Bauch immer lauter rief. Mir Unwohlsein bereitete. Ich schob alle Bedenken zur Seite. Überhörte. Verdrängte. Und ich war ein Meister der Verdrängung. Ich hatte dies über Jahre für mich perfektioniert. Alles Unangenehme, negativ erlebte, verschloss ich in eine Kiste. Diese stellte ich ganz weit nach unten, in meiner Gefühlswelt. Ich verschloss sie natürlich zuvor. Und immer wenn ich etwas hatte, das in diese Kiste gehörte, holte ich sie hervor. Ich schloss sie auf, stopfte das was ich verdrängen wollte hinein, und machte sie wieder zu. Allerdings schaute ich nie wieder nach, was bereits alles in dieser Kiste war. Auch wurde die Kiste mit der Zeit nicht grösser. Und über viele Jahre ging das gut. Bis zu dem Tag, an dem die Kiste einfach aufsprang. Samt dem schweren Schloss, dass sie so viele Jahre verriegelt hatte. Sie sprang auf und alles was ich bis dato verdrängt hatte verteilte sich in meinem Inneren. Da waren sie plötzlich. Alle unangenehmen Erlebnisse. Die erste Trauer. Der erste Verlust. Die Querelen aus der Schulzeit. Zerbrochene Beziehungen. Sowohl freundschaftliche wie auch liebende. Aber auch Dinge die ich getan habe. Augenblicke, in denen ich andere Menschen verletzt habe. Egal in welcher Form. Egal ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Kurzum, ich wurde mit den dunkelsten Emotionen meines Ichs konfrontiert. Instantly. 

Dies passierte, just in dem Moment, indem ich feststellte das tatsächlich etwas nicht stimmt. Mit der Liebe. Oder vielmehr mit der Liebe, die mir zuvor entgegengebracht wurde. Dieser innerliche Vulkanausbruch glich äusserlich einer Implosion. Es zog mich zusammen. Und ich mich zurück. In mich. Zweifel stiegen auf. Vertrauen begann zu bröseln. Plötzlich betrachtete ich die Dinge aus einer anderen Perspektive. Nämlich aus der des Zuschauers. Ich schaute auf eine Situation, einen Augenblick. Analysierte das Gesagte. Beider Akteure. Das konnte doch nicht sein. Wir liebten uns doch. Zumindest sagten wir uns das immer wieder. Auch schrieben wir es uns. Aber mit Worten ist es eben so eine Sache. Wenn Worte und Taten nicht miteinander korrelieren wird es schwierig. Und in der Tat war es eben genau so: es wurde schwierig. Bis irgendwann ein Punkt erreicht war, an dem die Schwierigkeit eine Komplexität erreichte, das sie zu Belastung wurde. Einer sehr schweren Last. Für alle Beteiligten. Bedürfnisse wurden nicht mehr klar kommuniziert. Und wenn, wurden sie umgehend als Kritik aufgefasst. Sofort fühlte sich jeder angegriffen. Was dazu beitrug das man sich nur weiter in sich selbst zurückzog. Positives wurde, zum Selbstschutz, eingeschlossen. Dafür kam alles unschöne an die Oberfläche. Bis am Ende der Eindruck entstand, man schwimme in einem Meer aus Negativität. 

Und die Liebe? Sie löste sich auf. Bis nichts mehr von ihr übrig war. Nicht mal eine Erinnerung daran, an das was einmal war. 

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