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Vielleicht mal wieder etwas leben?

„Es muss eine Zeit danach geben.“

~ Carl Grimes, The Walking Dead

Obiges Zitat aus besagter TV Serie spukt seit Tagen in meinem Kopf rum. In der dystopischen Geschichte ist damit die Zeit gemeint, in der die Kämpfe der Menschen untereinander aufhören.

Ich wiederum denke dabei an die Zeit nach Covid-19. Besser gesagt an die Zeit nach dem Lockdown. Denn: der Virus ist da. Und wird nicht mehr verschwinden. Vielleicht wird man ihn irgendwie in den Griff bekommen. Mit Impfungen, Medizin. Aber gänzlich weggehen wird er nicht. Doch was bedeutet das für mich? So rein persönlich?

Silvester sass ich im Sheraton Hotel in München. Da habe ich erstmals in den Nachrichten von diesem Virus gehört. Aber nur am Rande wahrgenommen. Hatte unser Gesundheitsminister doch die Lage als nicht kritisch eingestuft. Und jetzt? Wie sich doch die Welt seit dem gewandelt hat. Dazu, und das ist entgegen meiner anfänglichen Hoffnung, nicht zum Guten. Im Gegenteil.

Als ich mich Anfang Februar von meinen Eltern verabschiedete konnte niemand ahnen, wie einschneidend sich unser aller Leben binnen Wochen verändern würde. Ich umarmte meine Mum und meinen Dad bei der Verabschiedung. Das war seit dem mein letzter körperlicher Kontakt zu anderen Menschen. Meiner Familie. Vor 122 Tagen. Und als ich mich an 2. März dazu entschloss nicht mehr ins Büro zu fahren, begann für mich der Lockdown. Weil ich einfach keine Lust darauf hatte mich in einem vollen Bus zu infizieren. Oder in einem Meeting. Ich blieb zu Hause.

Nun hatte ich bis Montag ein paar Tage frei. Der Konzern, in dem ich tätig bin, rät uns immer wieder auf unsere Work-Life-Balance zu achten. Finde ich grundsätzlich gut. Ausgewogene Mitarbeiter sind entspannter. Die gesamte Situation ist für viele ungewohnt. Und etwas Ausgleich braucht der Mensch ja. Ich verbrachte meinen Urlaub zu Hause. Nutzte keine öffentlichen Verkehrsmittel. Verreiste nicht. Balkonia war auch ganz nett.

Gestern früh öffnete ich also meinen Laptop und wählte mich ins Firmennetzwerk ein. Anscheinend gab es in meiner Abwesenheit ein paar wesentliche Systemänderungen. Weswegen einige Anwendungen nicht mehr funktionierten. Gut, so etwas passiert. Meist auch nach dem Urlaub. Und ich versuchte eine Reihe der herkömmlichen Lösungswege. Irgendwann prangerte die Meldung auf dem Schirm, ich solle mich an den Administrator wenden. Oder mein Endgerät mit dem internen Firmennetzwerk verbinden. Puh! Administratoren sind schwierig zu erreichen. Immer.

Vor ein paar Wochen bekamen wir die Anweisung noch bis August im Homeoffice zu bleiben. Und eben nicht im die Firma zu fahren. Und nun das. Also fragte ich nach. Und fuhr, mit einer Sondergenehmigung samt Verhaltensanweisung in öffentlichen Transportmitteln und Büro, in die Firma. Um das Problem zu beheben.

Geht es Dir beim Lesen gerade mulmig? Ja? Gut. Dann kannst Du nachempfinden wie es mir ging. Geht.

122 Tag bin ich bereits allein. Ohne soziale Kontakte. Ohne das ich meinen Sohn, oder meine Eltern getroffen habe. Und auch sonst habe ich mich mit niemandem länger wie 5 Minuten unterhalten. Oder mit jemandem einen Kaffee trinken war. Da draussen. Im realen Leben. 122 Tage. Vernunft. 122 Tage ohne jeglichen körperlichen Kontakt. Also 2928 Stunden ohne eine Umarmung. Und dann muss ich für ein technisches Problem riskieren mich zu infizieren?

Also irgendwas läuft hier gewaltig schief. Womöglich nur in meinem Kopf. Schauen wir mal:

Der Virus ist da. Und wird nicht mehr weggehen.

Neuinfizierungen gibt es, aber wohl nicht in dem Ausmass, dass man einen weiteren Lockdown veranlassen müsste.

Es gibt noch immer keinen Impfstoff, keine flächendeckenden Test, keine Medizin.

„Es muss eine Zeit danach geben.“ – wann ist denn danach? Und wie hoch ist die reelle Wahrscheinlichkeit das ich mich anstecke nun wirklich? Was mache ich, wenn mein Arbeitgeber mir im August sagt, ich solle wieder ins Büro kommen? Und ab wann darf, respektive kann, ich wieder andere Menschen treffen? Soll ich die nächsten 2, 3, 5, gar 10 Jahre zu Hause verbringen? Allein? Das wäre dramatisch.

Wie systemrelevant ich bin, dass habe ich gestern gemerkt. Als ich für ein bescheuertes Zertifikat Update (denn das war das technische Problem) mein Leben riskiert habe. Nur um es selbst zu lösen. Ein Problem, das 2x auf ,low’ downgraded wurde. Was man easy online hätte lösen können.

Vermutlich ist die Zeit danach die, in der ich nicht mehr arbeiten kann. Weil ich intubiert auf einer Intensivstation liege. Auf dem Bauch. Damit ich atmen kann.

Irgendwas läuft gerade falsch. Ich bin mir nur nicht sicher was. Denn zumindest habe ich einen Job. Fehlt eigentlich nur noch leben.

4 Kommentare

  1. Pingback: Vielleicht mal wieder etwas leben? — kritikverloren | wupperpostille

  2. Dein Beitrag hat mich sehr beeindruckt. Nicht, weil ich nicht ähnlich denke, sondern deshalb, weil ich jetzt erst bemerke, wie überaus panisch manche Menschen die Situation sehen….
    Auch ich war zu Anfang sehr ängstlich und gelähmt, habe Kontakte zu anderen Menschen auf ein absolutes Minimum heruntergeschraubt. Selbst meine Eltern habe ich 2 Monate lang nur telefonisch kontaktiert, bin nur alleine spazieren gegangen und habe von zuhause gearbeitet. Ging aber auch nicht anders, denn die Schulen waren zu! Seit dem 11. Mai jedoch arbeite ich wieder regelmäßig, wenn auch nur halbtags in der Schule und habe dadurch irgendwie die Angst ein wenig verloren.
    Ich schütze mich zwar durch regelmäßiges Händewaschen (2x HappyBirthday), das Tragen eines Mundschutzes (Pflicht für alle!), und halte/sorge für den Mindestabstand.
    Aber das mit dem Abstand ist bei Kindern enorm schwierig, denn sie setzen einfach andere Prioritäten. Da ist ein ‚geklautes Legomännchen‘ lebenswichtig und es wird mit KörperKontakt zurückerobert!!! Also in der Praxis gar nicht so einfach, das zu stemmen. Dennoch wird man gerade durch solche Szenen immer wieder an den Virus erinnert und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt…. 🙁
    Ich lebe demnach in einem ständigen Zwiespalt. Einerseits muss das Leben ja weitergehen, andererseits lauert die Gefahr der Ansteckung ständig in der Luft.
    Ich tröste mich damit, dass wir da ALLE durchmüssen und jeder sich selbst und andere so gut es geht, schützen muss. Mehr geht nicht.
    Soll heißen: Je mehr Panik man hat, um so beschissener ist der eigene Umgang mit der Situation und das schlimmste, was wirklich passieren kann, ist nicht die Infektion, sondern die Isolation!!!
    Sind aber nur meine 5 Cent. 🙂 Also: Kopf hoch, Krönchen gerade rücken und vorsichtig vorwärts….
    In diesem Sinne, bleib gesund! 🙂

  3. Ich kann das so gut nachempfinden. Zum Glück bin ich nicht mehr erwerbstätig und kann mich daher in meinem Tempo ganz vorsichtig wieder ins Leben tasten. Ich brauche ein paar Kontakte und die teile ich mir ein. Alles findet draußen statt und trotzdem bleibt immer dieses mulmige Gefühl. Umarmungen und Gruppenerlebnisse fehlen mir sehr, aber hilft ja nichts! Dein Text hat mich sehr berührt! Alles Gute Dir! Regine

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