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Vogelfrei

Auf dem Ast sass ein Rabe und krächzte laut die aufgehende Sonne an. Sein vorbeifliegender Kumpel stimmte laut mit ein. Nahm dann einen Platz auf dem gleichen Baum ein. Sie betrachteten sich die Gegend. Auch die Spatzen waren hellwach und begrüssten den Tag mit kanonische Klängen. Aus der Ferne waren breite Schwingen zu erkennen. Sie kamen immer näher. Es war ein Milan. Der, den Auftrieb nutzend, über mich hinwegflog. Während weiter vorne Schwalben spielerisch einander nachjagten. 

Derart Spektakel beobachte ich jeden Morgen. Während ich, nachdem ich enthusiastisch aufgestanden war, meinen Kaffee auf dem Balkon geniesse. Es ist mein Start in den Tag. Meine Art dieses Heute zu begrüssen. Gerade eben war noch Nacht gewesen. Alles im Dunkeln gelegen. Hat mich schlafen lassen. Langsam hatten sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont geschoben. Mich wachgekitzelt. Mit Wärme und Leben umarmt. Energie.

Seit dem Frühling sitze ich täglich, früh morgens draussen. Auf der knirschenden Holzbank. Blicke auf die Stadt. Gewöhne meine Augen an das immer heller werdende Licht. Den Lärm der Strasse. Nehme wahr wie alles schneller, lauter wird. Zu Leben erwacht. Und betrachte mir dabei die Vögel. Wie sie frei umherfliegen. Ihre einzige Sorge besteht darin etwas Nahrung zu finden. Natürlich ist das nur eine Vermutung. Denn: ich weiss es ja nicht. Wenn ich mir die Schwalben so anschaue, dann ist dort durchaus ein grosser Spieltrieb zu erkennen. Wie sie, in akrobatischem Flugmanövern, ihre Artgenossen jagen. Und auch die Raben scheinen gerne zu spielen. Zumindest kann ich sehr oft dabei zuschauen, wie sie mit den jungen Milanen kleine Luftschlachten ausfechten. Was fühlen diese Vögel dabei? Haben sie Emotionen? Klar, grundsätzlich spüren Tiere Gefahren. Und natürlich auch Schmerz. Das sind psychische und physische Grundeigenschaften von jedem Lebewesen. Und unbestritten nehmen Tiere auch war, wenn man sie mag. Domestizierte Tiere sind ein gutes Beispiel hierfür. Aber wie ist das mit Vögeln? Besonders Wildvögeln? Die keinen körperlichen Kontakt zu Menschen haben? 

Dabei kommt mir der Spatz in den Sinn, der neulich auf meinem Balkongeländer saß. Zusammen mit einem Weibchen. Dieses hatte es sich dort gemütlich gemacht und in der Gegend umhergeschaut. Ganz still. Aus den weiten des Raums kam also dieser Spatz angeflogen. Landete knapp 1 Meter neben ihr. Es war wirklich süss mit anzuschauen, wie er sich grösser, breiter machte. Laut zwitscherte, dabei sein Gefieder aufplusterte. Und sich langsam näherte. Sie, ganz die Dame, schaute vornehm in die andere Richtung. Während er sich Stück für Stück näherte. In ihre Richtung hüpfte. Was ging in ihr dabei vor? Der Spatz war unüberhörbar gewesen mit seinem Lied. Da konnte sie noch so wegschauen. Zumindest hören musste sie ihn also. Was hat sie dabei empfunden? Aufgeregt war er weiter zu ihr herangehüpft. Hatte sich immer wieder aufgeplustert. „Hey, schau mal wie gross ich bin“, wollte er ihr wohl signalisieren. Wenn er ihr zu Nahe kam, flog sie einfach über ihn drüber, nur um dann etwas weiter entfernt wieder auf dem Geländer Platz zu nehmen. So ganz abgeneigt schien sie also nicht zu sein. Unbeirrt trällerte der Kleine weiter. Tanzte sie an. Ein paar Minuten ging das so. Bis das Weibchen irgendwann komplett das Interesse verloren hatte und davonflog. Was ging dann in diesem Spatz vor? War er enttäuscht gewesen? Gar frustriert? Ich weiss es nicht. Da hatte er sich doch so viel Mühe gegeben. Und sie gibt ihm einen Korb. In diesem Augenblick tat er mir richtig leid. 

Der Spatz saß noch knapp eine Minute da, plusterte sein Gefieder erneut auf. So wie wenn er diesen Augenblick der Ablehnung von sich abschütteln wollte. Startete dann zuversichtlich, im Sturzflug, von dem Balkongeländer und flog davon. 

Abschütteln. Weiterfliegen. Coole Strategie. Um mit Ablehnung klarzukommen. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee. So frei wie ein Vogel wäre ich auch gerne Mal. Zustimmend krächzten die Raben vom Baum.

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