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WTF? GFK!

Schade das es so viel zu lernen gibt, man aber gezwungen ist sich Themen rauszupicken. Und sich eben darauf zu spezialisieren. Man kann eben nicht alles wissen. Aber was, wenn wir schon ganz viel wissen, uns aber erst daran erinnern müssen? Was, wenn alles schon in uns liegt? Seit jeher. Und wir es uns nur abtrainiert haben (lassen). Ich meine, es ist offensichtlich das vielen Menschen mit den Jahren ihre kindliche Neugier abhanden kam. Wir wurden in eine Form gepresst. Mit „Ich“ und „Mein“ haben wir unser Bewusstsein weiter auf diese Formen ausgelegt. Unser Leben danach ausgerichtet. Kindliche Strukturen verlassen. Uns angepasst.

Fragt man einen Menschen „Wer bist Du?“, so wird dieser Mensch vermutlich seinen Namen oder seine Rolle, mitunter auch seinen Titel nennen. In diesem Zuge überlege ich gerade ob „was bist Du?“ nicht die korrektere Fragestellung wäre. Allerdings erscheint mir das zu offensiv. Nicht gewaltfrei.

Wir definieren uns also über Formen. Strukturen. Dein. Mein. Rollen. So arbeitet unser Bewusstsein nunmal. „Meine Familie, mein Auto, mein Konzept, meine Werte, meine Welt, meine Position….“ – ICH und MEIN sind also schützenswert. Das müssen, sollten, wir vor Übergriffen verteidigen. Und hierbei spielt Sprache ein grosse Rolle.

Vor tausenden von Jahre, damals, als die Affen noch nicht sprechen konnten, kam irgendwann Eine(r) auf die Idee mit Lauten zu arbeiten. Anfangs imitierte man Geräusche. Das Trampeln eines Mammuts, Blätterrascheln, das Knurren eines Säbelzahntigers. Um (s)eine Geschichte zu erzählen. Informationen zu vermitteln. Mit der Zeit stellten unsere Ur-Vorfahren fest, dass nicht alles mit Geräuschen erklärbar war. Und über die Jahrtausende wurden Laute zu Wörtern. Zeitformen kamen hinzu. Grammatik gab den Sätzen eine Struktur. Und heute beschäftigen sich ganze Gruppen von Menschen mit Sprachen und Wortschliffen. Und während man Angreifer in prähistorischen Zeiten vielleicht einfach mit Keule eine übergezogen hätte, so verteidigen wir uns heute mit Worten. Zumindest mal so lange, bevor Dinge komplett eskalieren.

Was mir allerdings persönlich sehr auffällt, und ich hatte darüber ein paar mal geschrieben, ist die Verrohung der Sprache. Und das in so vielen Bereichen. Vor 20 Jahren hätte ich vermutlich eine Diskussion auf der Strasse als Beispiel genommen. Derart Streitgespräch, das unwillkürlich zu einer primitiven Auseinandersetzung geführt hätte. Wie das bei Affen eben so der Fall ist, bei zeitgleicher Limitierung des Wortschatzes.

Heuer erleben wir das Ganze allerdings auch in anderen Bereichen. Sei es in der Politik (gerade in der Politik). Aber auch in unsren Berufen. Dabei sei versichert: das bezieht sich nicht auf Truckerfahrer, oder Berufe in denen das Arbeitsklima etwas rauer ist. Nein, keineswegs. Allein das F-Wort ist allgegenwärtig. Und wird multifunktional eingesetzt. Um alle möglichen Arten von Emotionen Luft zu machen. Vulgäre Ausdrucksweise meist inklusive. Und ich frage mich, ob man da nicht etwas gegensteuern kann?

Dafür muss man zuerst einmal ein Verständnis dafür entwickeln, warum Menschen solche Worte einsetzen. Dazu braucht es vor allem Empathie. Mitgefühl. Nur so kann man ein Verständnis für die Situation des anderen bekommen. Und tatsächlich liegt diese Eigenschaft auch bereits in uns. Andere Menschen trösten, zum Beispiel.

Ich stelle mir vor, wie gerade eben ein Mammut, bei einer panikartigen Flucht, einen Steinzeitmenschen niedergetrampelt hat. Sein Kumpel sitzt jetzt da und ist unendlich traurig. Eine Unmenge an Emotionen strömen auf ihn ein. Trauer, Frust, letztendlich sogar Wut. Aber er kann sich nicht oder eben, der Ermanglung an Worten geschuldet, nur schwer artikulieren. Andere Steinzeitmenschen kommen hinzu und spenden ihm Trost. Ohne selbst Zeuge gewesen zu sein. Einfach weil ein Mensch um einen anderen trauert. Heutzutage ist das nicht anders. Daher wage ich mal die steile These: Mitgefühl liegt in uns. Seit jeher. Und wenn es in uns liegt, dann liegt auch die Wahl der Worte bereits in uns. Die wir Menschen uns über die Jahre erdacht haben, um dem Trost mehr Ausdruck zu verleihen.

Anderes Beispiel, andere Zeit: Du erhältst beruflich eine Zielvorgabe, eine Aufgabe in einem gewissen Zeitraum (mit entsprechender Qualität) abzuschliessen. Plötzlich gibt es Zulieferschwierigkeiten, Budget ist auch nicht unendlich vorhanden, Probleme treten auf. Ein anderes Team arbeitet vielleicht an einem ähnlichen Thema. Wettbewerb. Druck. Stress. Du gehst zu Deinen Vorgesetzten und beschwerst Dich. „So ein F***!!! ICH habe folgende Ziele xxxxxx, MEIN gesamtes Projekt ist in Gefahr, weil….!!!!“

Was wünschst Du Dir in diesem Moment? Was ist Dein Ziel? Deine eigentliche Intention und auch Motivation? Und vor allem, welche Reaktion erwartest Du von Deinem Management? Stellst Du Dir diese Fragen?

Sollte jemand, das F-Wort grölend, in das nächste Meeting laufen, die Axt schwingen. Und erstmal so richtig laut klare Verhältnisse schaffen? Oder wäre es vielleicht viel besser, wenn Deine Führungsebene erkennt das Du gerade alles dafür tust, um Deine Aufgaben zu erledigen, aber etwas Hilfe von oben gebrauchen könntest? Dir somit Verständnis und Wertschätzung entgegenbringt?

Konsequent betrachtet besteht nämlich auch die Gefahr, dass das Ganze gewaltig nach hinten losgeht. Wenn Du laut polternd irgendwo in den Raum platzt, könnte dies Deinen Gesprächspartner aufscheuchen. Und diesen ebenfalls in einen Verteidigungsmodus bringen – übrigens auch eine urzeitliche Eigenschaft, die wir Menschen uns aber seit jeher bewahrt haben. Wie also gehst Du vor?

Hier kommt mir Norbert Lammert in den Sinn, der in einem Interview auf folgendes verwiesen hat: Mässigung im Ton, um der Sache selbst mehr Aufmerksamkeit zu schenken und der eignen Aussage mehr Gewicht zu verleihen.

Debatten führen, sachlich. Ohne Emotionen, wenn auch leidenschaftlich. Sich darüber im Klaren sein, was die gewählten Worte bei anderen womöglich auslösen.Das ist es, worum es mir bei der gewaltfreien Kommunikation geht. Denn die Schlüsselfaktoren, Empathie + Mitgefühl, die damit verbundene Wertschätzung, liegen eigentlich schon in uns. Ebenso die Techniken für eine gewaltfreie Kommunikation.

Um mich daran zu erinnern habe ich mir dieses schicke Kartenset (ISBN: 978-3-95571-766-7) von Marshall B. Rosenberg besorgt. Jede Woche ziehe ich eine neue Karte und lege meine gesamte Kommunikation auf die jeweilige Karte aus. Klappt bisher ganz gut. Mal schauen welche (positiven) Auswirkungen das auf meine Umwelt hat.

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